Über die Street Parade und das Bürgerrecht auf Ruhe

  • Publiziert: 15.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie eigentlich von der Street Parade in Zürich?
Nichts.

Das ist wenig. Für 820 000 Menschen war sie letzten Samstag das Grösste.
Soll ich etwas übrighaben für Lärm-Exzesse und Alkohol-Exzesse? Oder für den Dreck, den diese Menschen hinterlassen?

Wir reden von der grössten Party der Schweiz. So etwas macht halt Lärm, so etwas verursacht Abfall...
...den am Tag danach, wenn die Partyhelden ihren Rausch ausschlafen, brave Kehrichtmänner beseitigen. Damit ihnen nicht schlecht wird bei ihrer unappetitlichen Arbeit, müssen sie, wie ich gelesen habe, den Uringestank mit Zitronenduft übersprühen. Zürich stinkt – und ich glaube, das stinkt vielen Zürchern.

Sehen Sie das nicht etwas eng? Zürich ist nun mal eine wunderbare Bühne für solche Grossereignisse.
Tatsächlich: Zürich ist eine Bühne geworden, auf der unablässig lärmende Inszenierungen stattfinden. Eine Stadt zum Leben ist es immer weniger. Die Street Parade ist nur der Höhepunkt dieser Vergewaltigung eines Lebensraums durch Events – praktisch an jedem Wochenende, die ganze schöne Jahreszeit hindurch.

Schau an – Frank A. Meyer steht für einmal auf der Seite der Spiesser und der Intoleranz.
Für Toleranz gilt die schlichte Regel: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beeinträchtigt wird. Die Street Parade ist die Besetzung Zürichs durch Ausgeflippte von überall her, die den ganz normalen Zürchern – Sie würden sagen, den Spiessern – ihre Ruhe rauben. Für Tausende Menschen ist die Street Parade nichts als eine tage- und nächtelange Tortur. Gegen das Dröhnen der Techno-Bässe – als Nicht-Spiesser werden Sie den infernalischen Lärm wohl Musik nennen – hilft kein Doppelfenster und kein Ohropax.

Was schlagen Sie also vor?
Die Street Parade ist ein Geschäft. Die Geschäftemacher bezahlen für ihre Nutzung des öffentlichen Raums – hoffentlich genug. Die Ruhe, vor allem die Nachtruhe, ist ein privates Gut, ein sehr wichtiges übrigens. Das wissen sogar die Teilnehmer der Street Parade, wenn sie schlafend ihren Kater auskurieren. Die Ruhe der Zürcher wird also zu Geschäftszwecken gestört. Ich bin daher für eine Sammelklage aller Bürger, deren Ruhebedürfnis aus kommerziellen Gründen aufs Gröbste missachtet wird: Ich fordere eine finanzielle Abgeltung für die Nutzung der Bürgerruhe. Ganz so, wie sie für die Nutzung des öffentlichen Bodens geleistet werden muss. Dabei geht es nicht nur um die Nachtruhe, es geht um all die Stunden, in denen die Zürcher in ihrer Stadt nicht leben können.

Adressat dieser Forderung wäre wohl die Stadtregierung.
Bezahlen müssen die Veranstalter, die Regierung kann man abwählen. Vor allem der Stadtpräsident verkörpert die postmoderne Vulgarität, für die Zürich zunehmend herhalten muss.

Was sollte Elmar Ledergerber Ihrer Meinung nach tun?
Das politische Ziel muss sein, aus dem Event-Standort Zürich wieder die lebenswerte Stadt Zürich zu machen.

Marc Walder, 42 (l.), ist Chefredaktor des SonntagsBlicks.

Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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