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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, warum weicht der Bundesrat jeder Diskussion über einen EU-Beitritt aus?
Nicht nur der Bundesrat! Die ganze Politik ist krampfhaft bemüht, das Aufkommen einer solchen Debatte abzuwürgen – mit Ausnahme von Moritz Leuenberger. Der hat kürzlich immerhin erklärt, die Schweiz müsse, um ihre Zukunft zu gestalten, der EU beitreten. Damit hat er sich im Bundesratskollegium gleich zum Aussenseiter gemacht.
Seine Rede fand kaum Resonanz.
Leuenbergers Bekenntnis zum EU-Beitritt wurde zwar korrekt wiedergegeben. Doch eine Diskussion findet nicht statt. Wir erleben in der Schweiz den fatalsten Verdrängungsprozess der jüngeren Geschichte: Es soll nicht sein, was nicht sein darf!
Haben Sie denn kein Verständnis dafür, dass sich niemand die Finger verbrennen will? Die Politiker wissen doch, dass ein EU-Beitritt beim Volk keine Chance hat.
Wenn Politiker eine Sache als richtig und wichtig erkennen, ist es ihre Aufgabe, die Bürgerinnen und Bürger davon zu überzeugen – auch dann, wenn sie sich in der Minderheit befinden.
Ihrer Meinung nach sind die Politiker also Opportunisten.
Sie haben jedenfalls eine falsche Vorstellung von Konsens: Der Konsens ist zum Kult geworden. Dadurch wird die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit unterdrückt, also mit der Welt, wie sie nun einmal ist. Das aber führt, wie wir seit Sigmund Freud wissen, zu seelischer Erkrankung ...
Sie halten die Schweiz für krank, Frank A. Meyer?
Was den Umgang mit der europäischen Wirklichkeit betrifft, sind die Symptome dafür unübersehbar.
Wie meinen Sie das?
Alles Denken, Reden und Handeln der Schweizer Politiker zum Thema EU ist von Ängsten bestimmt. Ängste aber machen unfrei. Sie bedrücken. Sie machen depressiv. Depression führt zur Unfähigkeit, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Bern vollzieht nach, was Brüssel entscheidet. Über uns wird bestimmt.
Könnte es nicht einfach sein, dass die Politiker meinen, unser Land fahre ohne EU-Beitritt besser?
Es geht mir hier nicht um das Resultat der Diskussion, sondern um die Diskussion selbst. Es geht mir um die befreiende, offene Rede. Seit zwanzig Jahren schwingen die Populisten das grosse Wort. Mit ihrer Beschwörung von Schweizer Mythen errangen sie ganz offensichtlich die Deutungshoheit über unsere Europapolitik. Das ist ihr Erfolg. Und zugleich ein beschämendes Zeugnis für den intellektuellen Zustand der politischen, aber auch der wirtschaftlichen Elite. Wobei der Begriff Elite wohl zu hoch gegriffen ist – Establishment wäre zutreffender.
Sie sagen «intellektuell» – das war schon immer ein Reizwort.
Es gehört zum Wesen der Schweiz, dass man intellektuellen Höhenflügen misstraut. Aber hier geht es überhaupt nicht um Höhenflüge. Im Gegenteil: Es geht darum, endlich auf den Boden der Tatsachen zu kommen.
Und das schaffen unsere Politiker nicht?
Unsere Politiker sind Meister des Verdrängens geworden. Jedenfalls, was die EU betrifft. Gäbe es so etwas wie einen Welt-Psychoanalytiker, die Schweiz gehörte auf seine Couch!
Ihre Meinung interessiert uns: Ist die Schweizer Europapolitik krank? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.