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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie von den Plänen, 420 von 2154 Poststellen zu «überprüfen»?
Betriebswirtschaftlich ist das wohl sinnvoll. Gesellschaftlich dagegen überhaupt nicht.
Sagten Sie «gesellschaftlich»?
Jawohl: gesellschaftlich! Poststellen sind seit Generationen Verknüpfungspunkte des sozialen Netzes, der gesellschaftlichen Infrastruktur; gerade in ländlichen Gegenden geben sie Gelegenheit zu einem «Wie gehts?», zu einem kurzen Schwatz. Hier treffen Menschen auf Menschen; Posthalter sind Personen des Vertrauens…
…und Sie sind ein heilloser Romantiker!
Ich sehe das ganz realistisch – leider. In den letzten 25 Jahren wurden Tausende solcher menschlichen Gesprächs- und Kontaktstellen zum Opfer von Renditeüberlegungen und Rationalisierungen.
Wo denn zum Beispiel?
Im Tram fehlt der Billeteur, im Laden die Verkäuferin, in der Eisenbahn fehlen der Kondukteur und der Zugführer mit seiner respektgebietenden roten Tasche, in den Städten gibt es keine Quartierpolizisten mehr, das Milchlädeli und den Metzger und den Bäcker und den Gemüsehändler gibt es kaum noch: All diese Menschen gaben Gelegenheit zu Begegnungen, Gesprächen und Vertrautheit.
Lieber Frank A. Meyer, bei allem Respekt: Trauern Sie nicht einfach nur den guten alten Zeiten nach?
Ich trauere einer menschlicheren Gesellschaft nach. Immer wenn ich vor einem Automaten stehe, um ein Billett zu lösen, denke ich daran, dass jetzt auch eine Frau vor mir stehen könnte, die mich anlächelt, mit der ich einige Worte wechsle, die auch ich anlächle, deren Gesicht mir noch einige Minuten in Erinnerung bleibt. Dann nehm ich mein Ticket aus der Klappe und weiss: Der Automat hat mir die Begegnung geraubt.
Was Sie da so schön beschreiben, können sich Bahn und Post und Einzelhandel schlichtweg nicht mehr leisten.
Für Unternehmen mag die Automatisierung billiger sein. Für die Gesellschaft ist sie teurer. Wir erleben doch täglich, wie Menschen – vor allem junge Menschen – aus der Gesellschaft herausfallen. Weil kein mitmenschliches Netz sie mehr hält. Wir finanzieren Schulpsychologen, Sorgentelefone, Fixerstübchen, Jugendheime und andere soziale Einrichtungen: Reparaturwerkstätten, horrend teuer. In der Bahn ersetzen wir Kondukteure und Zugführer gerade durch Bahnpolizei, um wieder einigermassen Sicherheit zu gewährleisten.
Nochmals: Betriebswirtschaftlich sind die Entscheide dieser Unternehmen unumgänglich.
Unsere moderne Gesellschaft ist auf fatale Weise offen für betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte. Und blind für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Was die einen sparen, bezahlen die anderen – die Allgemeinheit.
Ihre Meinung interessiert uns: Sollen Staatsbetriebe beim Sparen an die gesellschaftlichen Folgen denken? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.