Zum Schluss Über die Fehlbarkeit des Papstes

  • Aktualisiert am 19.01.2012
Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.- Geri Born / Illustration: Igor Kravarik

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was hat Sie diese Woche am meisten beschäftigt?
Das Schicksal der Italienerin Eluana, die 17 Jahre lang im Wachkoma lag. Und nun endlich sterben durfte.

Warum beschäftigt Sie gerade dieser Tod so sehr
Weil kirchliche und politische Kräfte versucht haben, ihn zu verbieten. Mit allen Mitteln. Der Vatikan verdammte jedes Ansinnen, die 38-Jährige doch bitte nicht länger künstlich am Leben zu halten – genau wie 2006 im Fall des Koma-Patienten Piergiorgio Welby. Der Papst mobilisierte sogar die Politik gegen den Vater der jungen Frau, der seit Jahren verzweifelt für die Erlösung seiner Tochter kämpfte.

Das oberste Gericht Italiens hatte Beppino Englaro recht gegeben...
...worauf Benedikt XVI. persönlich vor den Gläubigen auf dem Peters-platz erschien und mit vatikanischem Schönsprech «die oberste Würde eines jeden Menschen» beschwor, «auch eines Menschen, der schwach und in das Mysterium des Leidens eingehüllt» sei. Benedikt meinte damit ganz eindeutig Eluana. Und offenbarte, einmal mehr, seine Kälte und Menschenferne.

Weshalb sprach er dann von der Würde des Menschen?
Für den Papst ist das ein abstrakter Begriff. Wer den Menschen theologischen Dogmen unterwirft, handelt unmenschlich.

Nun sind Sie wirklich zu hart!
Warmherzige Christen fühlen sich der Barmherzigkeit verpflichtet. Wer sich Eluana vorstellte – seit 17 Jahren künstlich ernährt, seit 17 Jahren im Bett, nicht lebend, aber auch nicht sterbend, also in einem ganz und gar unnatürlichen Zustand –, der konnte nur barmherzig darum bitten, sie von dieser maschinellen Existenz zu erlösen. Was der Vatikan predigte, fand seinen primitivsten Niederschlag in der Äusserung des Ministerpräsidenten Berlusconi: Eluana sei doch «eine Person, die noch ein Kind haben könnte». Perverser geht es nicht.

Das katholische Dogma verlangt nun einmal, dass sich kein Mensch zum Herrn über Leben und Tod eines Mitmenschen aufschwingt.
Der Mensch hat sich 17 Jahre lang zum Herrn des Lebens – besser: des Vegetierens – von Eluana aufgeschwungen: mit raffinierten Maschinen, die der Frau, die seit 1992 ohne jedes Bewusstsein war, den Tod verweigerten. Den Tod, der ohne diese Apparate auf ganz natürliche Weise eingetreten wäre. Nicht das Ausschalten der Geräte war der selbstherrliche Eingriff in das Schicksal eines Mitmenschen, sondern das mechanische Erzwingen eines flatternden Funkens Leben, 6000 Tage lang.

Eluanas Vater sagte nach der Erlösung seines Kindes: «Nun will ich endlich einfach nur noch allein gelassen werden.»
Dieser Vater ist ganz sicher nicht allein: Gott ist mit ihm. Nicht mit dem Papst.













Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier

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