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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie sind in Berlin zu Hause und Sie kennen sich gut aus in der deutschen Politik: Was ist eigentlich in Deutschland los?
Es herrscht unnötige Aufregung darüber, dass sich Bundespräsident Horst Köhler schlecht behandelt fühlte – und ging.
Eben. Dann ist also doch einiges los!
Wenn die Kanzlerin Angela Merkel zurückgetreten wäre: Dann wäre etwas los! Der Bundespräsident ist zwar der höchste Repräsentant der deutschen Demokratie, aber er hat keine politische Macht – ausser intellektueller Macht, der Macht der Rede. Und die kann allenfalls kulturell oder moralisch etwas bewirken, wie es zum Beispiel der grandiose Bundespräsident Richard von Weizsäcker vorgemacht hat.
Haben Sie Verständnis für Köhlers Rücktritt?
Nein!
Nein?
Man verlässt nicht ein so hohes Amt, bloss weil man kritisiert wird.
Es fehlte Köhler also an Statur.
Horst Köhler ist hochanständig, ehrlich, volksnah und vor allem ökonomisch hochkompetent. Aber auch von einer unpolitischen Sensibilität, ja Naivität, die schwerlich zu einem solchen Amt passt.
Wie viel muss ein Spitzenpolitiker denn Ihrer Meinung nach einstecken können?
Viel. Und er darf auch zurückbellen. Aber das ist nicht Köhlers Art. Und er war es nicht gewohnt. Er wurde von den Medien lang gehätschelt, sogar zum «Präsidenten der Herzen» hochgejubelt. In den letzten Monaten dann liessen ihn die Journalisten plötzlich fallen. Wobei ihre Kritik keineswegs übertrieben war.
Und jetzt? Wer sollte Deutschlands neuer Bundespräsident werden?
Werden wird es wohl Christian Wulff, der CDU-Ministerpräsident von Niedersachsen. Der ist zwar auch eher ein Mensch der feinen Art, aber im Gegensatz zu Köhler ein Mann der Partei. Er kann zur national und international herausragenden Figur werden. Nur: Sicher ist das nicht.
Und sein Gegenkandidat Gauck?
Joachim Gauck ist ein bereits ausgewachsener politischer Charakter. Das Leben als Dissident in der untergegangenen DDR hat ihn geprägt. Seine Intellektualität, seine Integrität und sein Engagement stehen ausser Zweifel. Er versteht es, Menschen zu gewinnen – über alle Parteigrenzen hinweg. Bei der Wahl am 30. Juni stehen sich also zwei grundverschiedene Typen gegenüber. Doch Angela Merkels Regierung hat in der Bundesversammlung die Mehrheit. Damit hat sie dieses Spiel schon entschieden: für den Parteimann, für Wulff.
Bedauern Sie das?
Nach dem gegenwärtigen Stand der Umfragen bedauern dies weit über 70 Prozent der Bundesbürger. Aber lassen Sie uns fair bleiben: Christian Wulff kann werden, was Joachim Gauck schon ist.
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