Walder & Meyer Über die Berliner Mauer und die Berner Angsthasen

  • Publiziert: 12.11.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, hatten Sie als Wahl-Berliner Gelegenheit, an den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls teilzunehmen?
Ja, dank einer Einladung vom Fernsehen der Suisse Romande: Ich sollte im «Téléjournal» etwas zum Mauerfall sagen.

Da waren Sie sicher wieder sehr kritisch.
Im Gegenteil, mein Beitrag war sehr positiv gegenüber Deutschland.

Das ist aber nicht die feine englische Art! Sie hätten sich doch mit der Schweizer Politprominenz solidarisieren müssen: Die durfte ja – im Gegensatz zu Ihnen – nicht dabei sein.
Ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn sich einige Schweizer düpiert fühlen. Aber ich kann leider auch verstehen, warum die Schweiz niemandem in den Sinn kam, als es um die Einladungen ging.

Wie meinen Sie das?
Die Schweiz ist nun mal nicht dabei in der Europäischen Union. Sie führt eine politische Randexistenz. Die hat sie selber gewählt. Und auf der beharrt sie.

Vielleicht war es auch ein Segen, nicht dabei gewesen zu sein. Viele fanden den Zirkus ja übertrieben.
Zugegeben, in den letzten Tagen fiel die Mauer wieder und wieder und wieder ... etwas zu oft. Und man bekam den Eindruck, der Mauerfall habe das Ende des Sowjet-Imperiums eingeleitet. Umgekehrt stimmt es eher: Die Implosion des Warschauer Pakts wurde erstens von den Polen provoziert und zweitens von Gorbatschow riskiert, sogar toleriert. Aber der spektakulärste Moment der Wende war tatsächlich das Volksfest, als die Ost-Berliner aufgrund eines Kommunikationsfehlers von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski in der Dunkelheit des 9. November einfach an den Mauerwachen vorbeiströmten.

Erzählen Sie uns doch mal, was Sie selbst in jener schicksalhaften Nacht empfanden – und was Sie fühlten, als Sie jetzt, 20 Jahre später, wieder am Schauplatz der Ereignisse standen.
Damals, 1989, herrschte grosse Skepsis, sogar bei vielen kritischen Bürgern in Westdeutschland. Ich war unsicher, ob es für die Welt nicht besser sei, zwei kleine Deutschlands zu haben als ein grosses, vereintes. Im Nachhinein klingt das zynisch. Aber die Vorbehalte gegenüber Deutschland waren damals noch tief in der Psyche vieler Zeitgenossen verwurzelt. Die Feier am vergangenen Montag dagegen habe ich genossen. Es war eine Feier der europäischen Völkerfamilie, der Europäischen Union, natürlich mit Hillary Clinton als Vertreterin der ehemaligen Schutzmacht USA. Auch den russischen Präsidenten Medwedew zähle ich zu den Europäern. Mein Land jedoch gehört leider nicht dazu. Das ist das Einzige, was mich schmerzlich berührte.

In der Schweiz ist die Angst vor den Deutschen heute wieder gross – sogar so ein unerschrockener Mann wie Christoph Blocher hat Angst vor 1000 deutschen Zuwanderern pro Monat.
Blocher ist kein unerschrockener Mann. Blocher ist seit 20 Jahren der grösste Angsthase der Schweiz: Er ist getrieben von persönlichen und politischen Ängsten. Er predigt sie und macht daraus populistische Politik. Mit Erfolg, denn die Angsthasen in unserem Land sind zahlreich.

Wenn es so weitergeht, wird vielleicht irgendwann eine neue Mauer errichtet – am Rhein!
Die muss gar nicht mehr errichtet werden. Die gibt es längst: in den Köpfen zahlloser Schweizer! Auch in den Köpfen allzu vieler Politiker. Sogar der Bundesrat politisiert gegenüber Europa, als habe er eine Mauer im Kopf.

Ihre Meinung interessiert uns: War es richtig, dass die Schweiz den Mauerfall nicht mitfeiern durfte? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 44 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier

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