Walder & Meyer Über die Bella Figura von Doris Leuthard und einen vergessenen Blumenstrauss

  • Publiziert: 09.05.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie das Bild von Doris Leuthard gesehen, wie sie an der Seite von Angela Merkel die Ehrenformation der Bundeswehr abschritt?
Ein wunderschönes Bild. Das weisse Kleid, die schwarzen Haare, das strahlende Lachen!

Und was halten Sie vom politischen Auftritt unserer Bundespräsidentin in Berlin?
Doris Leuthard machte Bella Figura und schuf gute Stimmung für Schweizer Themen: den Fluglärm-Streit mit Süddeutschland und das Bankgeheimnis. Konkret hat sich allerdings nichts getan. Angela Merkel muss in diesen Tagen und Wochen andere Probleme lösen.

Sie meinen den Kampf gegen den griechischen Staatsbankrott.
Genau. Ein Thema, das die Schweiz nicht weniger betrifft als Deutschland und die Europäische Union.

Wieso denn das? Die Schweiz ist doch kein Mitglied der EU...
Die Schweiz ist längst in der EU, wenn auch ohne Stimmrecht – sie verzichtet freiwillig darauf. Sechzig Prozent unserer Ausfuhren gehen in die Europäische Union. Eine EU-Krise hätte unabsehbare Folgen für die Schweizer Wirtschaft. Nur eine prosperierende Gemeinschaft kann unsere Produkte kaufen. Ein Scheitern des Euro würde den Franken derart verteuern, dass unsere Exporte unerschwinglich wären.

Worauf wollen Sie hinaus?
Wer zu Besuch kommt, bringt Blumen mit. Doris Leuthard hätte der deutschen Bundeskanzlerin eine Zwei-Milliarden-Bürgschaft für Griechenland überreichen können. Die Schweiz endlich einmal völlig freiwillig und überraschend solidarisch mit Europa: Das hätte Aufsehen erregt und unser Land mit seinen Luxusproblemen über Nacht zu einem echten politischen Partner der EU gemacht. Man darf der Gastgeberin die Blumen übrigens auch nach dem Besuch zustellen.

Sie fordern allen Ernstes, dass sich die Schweiz mit zwei Milliarden am Griechenland-Schlamassel beteiligen soll?
Nicht am Schlamassel, sondern an der Rettung eines Landes, mit dem wir 2009 rund 1,2 Milliarden Exportüberschuss erwirtschafteten. 2008 war das Verhältnis Export/Import sogar noch höher: zehn zu eins zu unseren Gunsten. Es geht aber nicht um Griechenland allein, es geht um ganz Europa, also um unsere wirtschaftliche, politische und kulturelle Umwelt, ohne die das Schweizerglück gar nicht denkbar ist.

Die Schweiz zahlt ja bereits: 683 Millionen Franken als Mitglied des Internationalen Währungsfonds. Reicht das nicht?
Sie haben mich nicht verstanden. Die 683 Millionen sind Pflicht. Mir geht es um die Kür. Die Schweiz hat die einmalige Chance, Europa mit einer Bürgschaft von zwei oder drei Milliarden zu signalisieren: Wir sind mit euch, wir stehen euch in der Krise bei, Europa ist auch unsere Sache! Ich glaube, dass unsere junge Bundespräsidentin dies sehr gut versteht – und deshalb auch sehr gut vertreten könnte.

Aber unsere Bürgerinnen und Bürger verstehen es nicht.
Unterschätzen Sie nicht die Schweizerinnen und Schweizer! Ein solches Signal des Bundesrats nach aussen wäre auch ein Signal nach innen. Es würde sich eine lebhafte Diskussion entwickeln, endlich: zwischen den dumpfen Kräften, die das Gestern wollen, und den Bürgerinnen und Bürgern, die wissen, dass die Zukunft Europas auch unsere Zukunft ist.

Ihre Meinung interessiert uns: Soll die Schweiz Europa helfen? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 44 (l.), ist CEO von Ringier Schweiz und Ringier Deutschland.

Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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