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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sind Sie eigentlich alt?
Sie stellen mir eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Zum Teil kann es aber mein Pass; dort steht: geboren am 6. 1. 1944.
Für einen 25-Jährigen ist das alt.
Für Sie doch wohl ebenfalls, oder? Sicher ist: Ich lebe schon seit längerem – nicht erst seit kurzem. Und ich lebe mit dem Gefühl, dass es noch eine Weile so weitergeht.
Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber Sie geniessen es offenbar, die Gesellschaft zu überaltern.
Was meinen Sie mit «überaltern»?
In unserer Gesellschaft, nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa, leben immer mehr alte Menschen.
Überalterung ist dafür der falsche Begriff! Unsere Gesellschaft überaltert icht. Die Menschen leben einfach länger, und das ist wunderbar! Ein Mädchen, das heute geboren wird, hat gute Aussichten, 100 Jahre alt zu werden. Das wünsche ich allen Mädchen und natürlich auch allen Knaben, die heute geboren werden. Und ein bisschen wünsch ich es mir auch.
Was ist denn so positiv an diesen vielen alten Menschen? Sie stellen unsere Gesellschaft doch vor beinah unlösbare Probleme: Wenige Junge müssen für immer mehr Alte die Rente finanzieren.
Diese Alten, wie Sie unsere Generation zu bezeichnen belieben, haben den Jungen das Heranwachsen, die Erziehung und die Bildung finanziert. Jetzt geben die Jüngeren ihren Eltern – den Älteren – etwas zurück. So funktioniert das Zusammenleben der Menschen.
Mit der Konsequenz, dass jetzt das Rentenalter angehoben werden muss!
Sicher, aber nicht aus finanziellen Gründen.
Sondern?
Weil es kulturell sinnvoll ist. Was tut das heute geborene Mädchen, wenn es 65 ist? Noch 35 Jahre den Garten pflegen? Oder, wenn es – wie die meisten – leider keinen Garten hat, auf dem Balkon das Basilikum begiessen? Für die meisten Menschen ist Arbeit ein Teil ihres Lebens-Sinns. Wenn die Menschen länger leben, muss die Wirtschaft bereit sein, diesem Lebens-SinnlängerRaumzu geben, indem sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über das heutige Pensionsalter hinaus sinnvoll beschäftigt.
Was heisst sinnvoll?
Statt den hochqualifizierten Feinmechaniker in den Ruhestand zu verabschieden, könnte man ihn ja auch fragen: Haben Sie eine Idee, wie Sie in unserem Unternehmen weiter mitwirken möchten? Dieselbe Frage kann man auch einem Computerspezialisten stellen, oder einem Versicherungskaufmann. Die meisten werden glücklich sein, ihr Rentnerdasein hinauszuschieben.
Klingt wie einWunschkonzert für die Alten! Unsere Gesellschaft steht aber in Konkurrenz mit Volkswirtschaften, in denen 30 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre sind.
Und was sind das für Gesellschaften? Entwicklungsgesellschaften! Im Unterschied dazu verfügen wir in Europa über ein gewaltiges Potenzial an physisch, psychisch und intellektuell leistungsfähigen Menschen mit grosser Lebenserfahrung. Ein wertvolleres Kapital als die älteren Generationen ist kaum vorstellbar. Die Jungen rennen schneller, wir kennen die Abkürzung.
Ihre Meinung interessiert uns: Sollten wir das Potenzial der älteren Generationen besser nutzen? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.