Zum Schluss Über den süssen Duft des Bankgeheimnisses

  • Publiziert: 31.10.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie leben in Berlin. Kennen Sie eigentlich Peer Steinbrück, den deutschen Finanzminister?
Ja sicher. Er war vor zwei Jahren Gast an meinem «Dîner républicain» in Ascona.

Wie ist er denn so?
Ein Hanseat! Und wie Hanseaten sein können: sehr selbstbewusst, manchmal auch schroff. Also Helmut Schmidt nicht unähnlich. Aber er ist auch wieder liebenswürdig und direkt.

Steinbrück will die Schweiz wegen ihres Bankgeheimnisses auf die schwarze Liste der Steuerparadiese setzen – und sie mit der Peitsche traktieren.
Mit der Peitsche droht Peer Steinbrück allen Steuerparadiesen, wozu er eben auch die Schweiz zählt. Doch das Bild des Deutschen mit der Peitsche ist nicht gerade geeignet, bei uns Verständnis für das nördliche Nachbarland zu wecken.

Glauben Sie, dass schweizerisches Verständnis für die deutsche Kritik am Bankgeheimnis überhaupt möglich wäre?
Ja. Denn wenn wir ganz ehrlich sind, wenn wir in uns gehen, dann finden wir durchaus ein Quäntchen Verständnis für die Deutschen.

Bitte erklären Sie uns das.
Wir finden Verständnis für das deutsche Unverständnis: Denn es will einem geistig normal begabten Deutschen einfach nicht in den Kopf, dass es einen fundamentalen Unterschied geben soll zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug.

Sie meinen, dass die Schweiz den deutschen Steuerbehörden lediglich bei Steuerbetrug Rechtshilfe gewährt, also wenn Dokumente gefälscht wurden, nicht aber bei sogenannter Steuerhinterziehung...
...Genau! Denn wenn wir ganz ehrlich sind, wenn wir in uns gehen, dann können doch auch wir kein Verständnis für diese Unterscheidung haben. Jeder Schweizer, der dem Staat durch Tricksen Steuern vorenthält, weiss genau, dass er den Staat betrügt. Für die Begriffe Steuerbetrug und Steuerhinterziehung, die unsere Gesetzgebung so fein säuberlich unterscheidet, gibt es in der schweizerdeutschen Umgangssprache nämlich nur einen einzigen Begriff: Bschiss!

Auf genau dieser Unterscheidung basiert aber unser Bankgeheimnis...
Das ist die Schlaumeierei. Wir wissen doch alle, was der Sinn des Bankgeheimnisses ist: Es riecht für einen Steuerflüchtling süss wie Schweizer Schokolade. Es ist unser Lockstoff. Die Banken verdienen damit seit Generationen gewaltig Geld. Weil wir all das wissen, sollten wir uns nicht wie die verfolgte Unschuld gebärden. Aber vielleicht ist unser Aufschrei ja so gross, weil wir uns ertappt fühlen – das schlechte Gewissen regt sich.

Warum schlechtes Gewissen?
Die Finanzkrise macht auf dramatische Weise deutlich, dass wir auf Europa angewiesen sind, dass wir nur gemeinsam mit den europäischen Nationen, allen voran mit den Deutschen, die Probleme lösen können. Und damit zeigt uns die Finanzkrise auch, dass unser Profitieren von den Finanznöten der anderen ein Ende finden muss. Wir brauchen Einsicht. Nicht Steinbrücks Peitsche.

Ihre Meinung interessiert uns: Muss sich die Schweiz vom Bankgeheimnis verabschieden? Diskutieren Sie mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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