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Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, waren Sie am Wochenende shoppen?
Nein, ich liebe den Sonntag in Berlin, wie ich ihn schon als Kind in Biel liebte: angehaltene Zeit, Kirchenglocken, auf den Strassen kaum Verkehr. Das waren Glücksmomente – und so empfinde ich noch heute.
Der Zürcher Freisinn will Shopping an jedem Tag der Woche, rund um die Uhr.
Der Zürcher Freisinn hat offenbar nichts anderes im Kopf als Markt, Markt, Markt, Shopping, Shopping, Shopping. Für eine einst gesellschaftsprägende Partei ist das doch eine sehr schmale Botschaft.
Viele Menschen wären froh, sie könnten ihre Einkäufe am Sonntag nicht nur in Tankstellenshops tätigen…
Sie sagen «nicht nur Tankstellenshops». Der Freisinn redet von Shoppingcentern und von den Bahnhofstrassen unserer Städte. Darum geht es.
Warum sind Sie gegen die Freiheit, auch am Sonntag einkaufen zu dürfen?
Der Sonntag ist das Anhalten der Gesellschaft – und er ist ein Angebot: zum Nachdenken darüber, dass es mehr gibt als Konsumieren und Produzieren; dass es die Familie gibt, die einen ganzen Tag zusammen ist; dass es Freunde gibt, die man zum Sonntagsbraten einlädt; dass es sogar die gemeinsame Andacht in der Kirche gibt. Der Sonntag ist ein ganz anderer Tag als die sechs Werktage.
Sie romantisieren etwas gar stark…
Darf ich damit gleich weiterfahren? Der Sonntag berührt unsere Seele: Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen, wir können nicht ausweichen ins Gedränge der Konsumgesellschaft.
Irgendwie tönt das nach Erbauung und Gartenlaube, Frank A. Meyer!
Der Sonntag ist Langeweile, nämlich: lange Weile. Am Sonntag werden wir nicht beschäftigt, wir müssen uns selbst beschäftigen. Das ist nicht einfach.
Sollten wir nicht dennoch jedem Einzelnen überlassen, wie er seinen Sonntag gestalten möchte?
Gerade das fordert der Sonntag von uns: dass wir diesen Tag selbst gestalten.
Und dazu sollen alle am gleichen Tag gezwungen sein?
Der siebte Tag, an dem der liebe Gott sah, dass es gut war – wobei er sich da wahrscheinlich irrte –, ist der Tag, an dem die Gesellschaft innehält. Der Sonntag strukturiert unser Zusammenleben, ja er macht uns bewusst, dass wir mehr sind als emsige Einzelne, dass wir in einer Gesellschaft leben, dass wir eine Gesellschaft sind. Diese Wirkung haben auch unsere Feiertage.
Sie reden wie ein Pfarrer.
Ich würde dazu gern eine Predigt halten: gegen die Beschränkung des Menschen auf Konsum und Produktion. Am Sonntag sind wir mehr als Konsumenten. Wir sind Bürger. Menschen.
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