Zum Schluss Über den Roten 1. Mai und den Schwarzen Block

  • Publiziert: 08.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie von den gewalttätigen Demonstrationen in Zürich?
Seit Jahren randaliert der sogenannte Schwarze Block im Anschluss an die Mai-Feier, mit der er aber lediglich das Datum gemeinsam hat. Im Übrigen sind Randalierer das Gegenteil von Demonstranten.

Wie meinen Sie das?
Das Ziel der Demonstranten ist eine gerechtere Gesellschaft. Das Ziel der Gewalttäter ist die Gewalt.

Sie zählen den Schwarzen Block nicht zur Linken?
Die Schwarzen sind keine Roten. Schwarz war immer auch die Farbe der Faschisten. In Italien nannte man sie «Camicie nere», Schwarzhemden. Die schwarz vermummten Zürcher Schläger gehören in diese Kategorie: Macht durch Gewalt – das ist das Programm des Faschismus. Man muss Pack als das bezeichnen, was es ist.

Sie rücken Menschen, die sich als radikale Linke sehen, sogar in die Nähe der radikalen Rechten?
Kurt Schumacher, der grosse Vorsitzende der deutschen SPD nach dem Krieg, prägte den Begriff vom «roten Faschismus»; der Philosoph Jürgen Habermas sprach einst von «Linksfaschismus».

Haben Sie nicht ein gewisses Verständnis dafür, dass junge Menschen mit Protest, ja sogar mit Unruhen auf die aktuelle Lage reagieren?
Was in Zürich geschah, was auch in Berlin und Hamburg durch die Strassen walzte, war reine Zerstörungswut. Mit Unruhe hat das nichts zu tun. Unruhe ist heute verständlich, sogar nötig. Die Demokratie braucht Bürger, die ihren Willen nach Veränderung der Gesellschaft auch auf der Strasse deutlich machen. Zu viel ist geschehen, zu viel geschieht weiter, was nicht hingenommen werden darf: der Abbau von Arbeitsplätzen nach dem Bankrott des Bankensystems, die Finanzierung der Hinterlassenschaft von Kasinokapitalisten durch Steuergelder – da bauen sich Spannungen auf, die sich nur lösen werden, wenn die Opfer gegen die Täter antreten. Aber eben: mit demokratischen Mitteln. Zu denen auch die Demonstration zählt.

Sind die Kundgebungen am 1. Mai nicht längst zum wirkungslosen Ritual erstarrt?
Das müsste nicht sein. Doch gerade die Gewalttäter beschädigen den 1. Mai. Und die Medien konzentrieren sich auf die Ausschreitungen: Ein brennendes Auto liefert allemal das spannendere Bild als ein Gewerkschaftstransparent oder demokratische Politiker auf der Rednertribüne.

Was raten Sie einem 22-Jährigen, der mit seinen Steuern nicht länger für den GAU der Gierigen bezahlen will?
Ich rate ihm, demokratisch Unruhe zu stiften. Zusammen mit den linken Parteien und den Gewerkschaften. Die Sympathie für junge Menschen, die nicht hinnehmen wollen, dass die Dealereien der Finanzwirtschaft ohne Konsequenzen bleiben, reicht inzwischen bis ins Lager der bürgerlichen Parteien. Worum es heute geht, ist längst nicht mehr der klassische Klassenkampf.

Sondern?
Es ist ein Kampf von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für die Gesellschaft verantwortlich fühlen – gegen die marktradikale Verantwortungslosigkeit.

Ihre Meinung interessiert uns: Treffen die Krawallmacher vom 1. Mai den richtigen Nerv? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier

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