Zum Schluss Über den Mut zum Regieren

  • Publiziert: 05.12.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, hätten Sie etwas dagegen, wenn wir noch einmal über die Besetzung des Bundesrats sprechen?
Die ist ja im Augenblick sowieso Dauerthema in den Medien. Also warum nicht? Fragen Sie.

Ich will auf etwas ganz Spezielles hinaus.
Fragen Sie.

Hatten Sie eigentlich nie den heimlichen Wunsch, in die Politik zu gehen und selbst Bundesrat werden?
Sie werden sich vielleicht nicht mehr erinnern, aber in der Bundesrats-Wahl von 1999 erhielt ich 19 Stimmen. Ich sass mit Kollegen in meinem Berner Büro vor dem Fernseher und erschrak...

...wieso denn das?
Es war mir peinlich. Es waren Stimmen gegen Pascal Couchepin, den ich immer gemocht hatte und der dann nur relativ knapp wiedergewählt wurde. Als der Nationalratspräsident das Resultat verlas, wurde ich rot wie beim ersten Kuss.

Entschuldigung, aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.
Man muss im Leben wissen, was man nicht kann, dann weiss man auch, was man kann. Ich habe als Parteigründer, Parteipräsident und Parlamentarier – mit einigem Erfolg – die Politik in meiner Heimatstadt Biel ausprobiert. Aber eine Politikerkarriere hätte ich nie durchgestanden.

Und warum nicht?
Ich brauche zu viel Zeit für mich und die Menschen, die ich liebe. Und für Bücher. Und fürs Nachdenken.

Das heisst, Sie haben Hochachtung vor dem Fleiss unserer Politiker?
Das ist richtig: Die Leistung von Politikern – von solchen, die sich innerhalb der demokratischen Kultur bewegen – achte ich hoch, ob ich nun ihre Meinung teile oder nicht. Mit den rechtspopulistischen Kampagnen der vergangenen 15 Jahre ist allerdings leider viel Respekt für die Politik verloren gegangen.

Auch der Respekt vor dem Bundesrat?
Sicher zielte die systematische Herabsetzung und Verhöhnung der politischen Klasse vor allem auf das Bundesratskollegium. Aber auch das Credo des Marktradikalismus: «Keine Macht dem Staat, alle Macht der Wirtschaft» hat abgefärbt. Und teilweise ist die Landesregierung selbst für dieses Problem verantwortlich. Sie hat zu wenig Respekt sich selbst gegenüber. Zu wenig Selbstvertrauen, zu wenig Ehrgeiz, zu wenig Mut zum Regieren.

Im Augenblick geht es ja eher den Marktradikalen ans Leder.Wird sich die Politik von ihrem Niedergang erholen?
Nicht sofort. Aber ich bin zuversichtlich. Wir erleben den Beginn eines historischen Prozesses: Eine veränderte Wirklichkeit sucht sich die politischen Köpfe, die sie gestalten können. Es müssen und es werden Köpfe sein, die wieder den Mut zum Regieren haben.

Ihre Meinung interessiert uns: Hat der heutige Bundesrat zu wenig «Mut zum Regieren»? Diskutieren Sie mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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