
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
play
Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, fällt Ihnen nach 14 Tagen Finanzkrise noch etwas Neues zur grössten Katastrophe der Geldwirtschaft seit 1929 ein?
Mir fällt ein, dass diese Krise weit mehr ist als eine Finanzkrise.
Und zwar?
Wir erleben eine Zivilisationskrise.
Ist das nicht ein bisschen hochgegriffen?
Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer in Berlin fällt eine Mauer in New York: die Wall Street – «Wall» heisst Mauer.
Sie setzen die Finanzkrise mit dem Ende des Kommunismus gleich?
Natürlich setze ich die beiden Ereignisse nicht gleich. Aber auch die Wall Street hielt Menschen gefangen: in einer Geldideologie, die sich in den vergangenen Jahrzehnten zur Ideologie der gesamten kapitalistischen Zivilisation entwickelte. Das Geld wurde zum Mass aller Dinge: Das schnelle, immer schnellere Geld, das mit Lichtgeschwindigkeit rund um den Erdball und rund um die Uhr immer grösseren Profiten nachjagte.
Sie reden vom Internet?
Ich rede von der Globalisierung der Finanzwirtschaft über das Internet. Ich rede von einer virtuellen Welt, in der virtuelle Produkte virtuell gehandelt wurden – in einem unvorstellbaren Tempo. Wir wissen als Autofahrer, was das bedeutet: Man verliert die Übersicht, es kommt zum Crash.
Und alle, alle rasten mit ...
Auch wer nicht an der Börse spekulierte, auch wer nicht Banker oder Broker war, erlag diesem Rausch. Der Mensch wurde nur noch beurteilt nach ökonomischen Kriterien: Nützlich war, wer wirtschaftlich nützlich war, wertvoll war, wer wirtschaftliche Werte besass. Alles wurde zum Produkt. Wer sich verkaufen konnte, war erfolgreich. Wer es nicht konnte, war ein Versager. Bis in den hintersten Winkel durchdrang das Gelddenken die Gesellschaft. Sogar die Kirche bezeichnete ihren Glauben als Produkt – und sie widersetzte sich nicht der Herabwürdigung des Menschen zum ökonomischen Objekt.
Sie schlagen einen kühnen Bogen von der Finanzkrise an der Wall Street zur Krise der Zivilisation.
Ich zitiere dazu Frank Schirrmacher, Herausgeber der konservativen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Die neoliberale Ideologie hat einen Vernunft- und Glückszusammenhang zwischen Individuum und Globalisierung hergestellt, der ausschliesslich ökonomisch begründet war.» Ökonomie schwang sich auf zur totalen Macht. Wer sich dieser Macht zu entziehen oder sogar zu widersetzen suchte, war ein Abweichler, wurde als ökonomisch inkompetent verhöhnt und als Kapitalismusfeind ausgegrenzt. Das meine ich mit der Mauer: mit der «Wall», die jetzt in New York gefallen ist.
Wenns denn eine Befreiung ist: Was machen wir mit unserer neuen Freiheit?
Der freie Bürger nimmt das Schicksal der Gesellschaft wieder selbst in die Hand. Er setzt der Wirtschaftsmacht Grenzen. Er kontrolliert sie. Er unterwirft sie der Demokratie – nicht umgekehrt. Er schafft einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.