Walder & Meyer Über den Mann im Zelt und das Land in kurzen Hosen

  • Publiziert: 27.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie von der Entschuldigung unseres Bundespräsidenten bei Muammar al-Gaddafi?
Gaddafi liess unschuldige Krankenschwestern aus Bulgarien acht Jahre lang im Gefängnis festhalten und foltern; Gaddafi liess den soeben freigepressten Lockerbie-Attentäter als Helden feiern; Gaddafi drohte der Schweiz mit Aufteilung unter die Nachbarnationen; Gaddafi übernachtet bei Staatsbesuchen im Zelt, das er mitten in den Hauptstädten aufschlagen lässt. Gaddafi ist ein Irrer. Wie behandelt man Irre am besten? Man gibt ihnen recht.

Das ist mir zu flapsig. Jetzt mal im Ernst...
Ich mache keine Witze. Es ist die reale Situation. Aber natürlich ist die Problematik komplexer: Die Schweiz hat sich gedemütigt. Die Schweiz steht erneut ziemlich allein.

Wie meinen Sie das?
Die Schweiz ist zwar nicht von allen guten Geistern, aber irgendwie doch von allen verlassen. Sie hatte zum Beispiel nicht die geringste Möglichkeit, gegen Gaddafi internationalen Druck aufzubauen. Schon gar keinen europäischen. Sie ist nicht Mitglied der EU.

Manchmal denke ich, die Schweiz leidet allmählich unter Minderwertigkeitskomplexen: immer auf die Kleinen!
Ja, unser Selbstbewusstsein ist beschädigt. Schliesslich gingen wir jahrzehntelang mit geschwellter Brust durch die Welt: Wir waren die schönste, beste, erfolgreichste, die weltweit geliebte Nation...

Als Tennisprofi war ich ja früher viel unterwegs und ich habe exakt so empfunden, wie Sie es schildern: Uns Schweizern streichelten alle übers Köpfchen.
Und nun müssen wir uns daran gewöhnen, eine Nation zu sein wie viele andere auch. Die Welt nimmt zur Kenntnis, dass wir fehlbar sind – und zwar im grossen Stil, wirtschaftlich wie moralisch: von den Holocaust-Geldern über das Swissair-Grounding und das UBS-Desaster bis zum schmählichen Ende des Bankgeheimnisses. Wir stehen in kurzen Hosen da. Gottlob ist es noch Sommer.

Wie konnte es so weit kommen?
Das Rezept für unseren Erfolg hiess über Generationen hinweg: nicht dabei zu sein. Aber die Welt hat sich nach dem Ende des totalitären Sozialismus und durch die Globalisierung fundamental verändert.

Und was jetzt?
Unser Erfolgsrezept sollte nun heissen: dabei sein. Aber mit dieser völlig gegenteiligen Strategie haben wir grosse Mühe. Dass die Dinge nicht mehr laufen, wie sie seit ewigen Zeiten liefen, erschüttert unser Selbstbild. Auch innenpolitisch.

Wie meinen Sie das?
Der Freisinn, die Gründungspartei des Bundesstaates, die führende politische Macht über nahezu 150 Jahre, ringt um ihren zweiten Bundesratssitz. Sie droht zur kleinsten Bundesratspartei herabzusinken.

Das schrieben Sie schon vor Jahren – und immer wieder.
Genau das aber stimmt mich nicht fröhlich.

Ihre Meinung interessiert uns: Muss die Schweiz ihre Rolle in der Welt neu definieren? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 44 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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