Zum Schluss Über den Erlöser Obama und warum so viele an ihn glauben

  • Publiziert: 01.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Marc Walder
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, waren Sie eigentlich auf der Fanmeile von Barack Obama in Berlin?
Ich war nicht auf der Strasse des 17. Juni, aber ich habe Senator Obama im Restaurant Borchardt gesehen.

Und?
Und ich verstand plötzlich besser, weshalb so viele Menschen, ganz besonders junge Menschen, von diesem Mann fasziniert sind. Er sieht sehr gut aus, hat ein strahlendes Lächeln, bewegt sich mit Eleganz, selbstsicher, aber in keiner Weise arrogant. Er macht den Eindruck, ganz nah bei den Menschen zu sein, ist aber trotzdem kein Ranschmeisser, hält subtil Distanz. Übrigens verraten seine Gesichtszüge bei näherem Hinsehen Härte – die Sorte Härte, die es braucht, um Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

Sie sind aber kein Fan, sondern ein kritischer, politischer Mensch. Wofür steht Barack Obama?
Für ein Amerika, das sich wieder anständig benimmt. Und er verkörpert die Globalisierung: nicht schwarz, nicht weiss, der Vater Muslim, die Mutter Christin, Kindheit und Jugend in Hawaii und Indonesien, Studium in Harvard. Obama wirkt weltoffen und gläubig zugleich. Neuerdings werden ihm sogar deutsche Wurzeln nachgesagt. Ich würde mich nicht wundern, wenn einer seiner Vorfahren beim Schwur auf dem Rütli dabei gewesen wäre...

Mehr als 250 000 Menschen kamen an die Siegessäule, um ihn zu sehen und zu hören. Frank A. Meyer, wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Auch der Papst hatte in Australien massenhaft Zulauf junger Menschen. Es geht dabei um mehr als nur um Benedikt XVI. oder Obama I. Die Jugend sucht etwas – und sie glaubt, es bei diesen beiden Autoritäten zu finden.

Was sucht sie?
Ihr Wunsch nach einer besseren Welt trifft auf das Versprechen Obamas und des Papstes, für eben diese bessere Welt einzustehen – sie sogar bereits zu repräsentieren.

Woher kommt es, dass diese Sehnsucht sich gerade jetzt in Massenveranstaltungen äussert?
Ich sehe zwei Ursachen; beide haben mit der Vereinzelung vieler junger Menschen zu tun. Einerseits führen Internet und mobile Kommunikation dazu, dass menschliche Beziehungen mehr und mehr virtuellen Charakter annehmen. Über das Netz erschliesst man sich scharenweise Freunde in aller Welt – und kennt doch seinen eigenen Nachbarn nicht. Mit dem Kopfhörer im Ohr pflügt man sich auf der Strasse seinen Weg durch die Menschen – und nimmt sie nicht wahr. Der Siegeszug virtueller Kommunikation macht einsam.

Und die zweite Ursache?
Sie ist wirtschaftlicher Art: Der Siegeszug ultraliberaler Ideologie hat die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. «Jeder ist seines Glückes Schmied» – so lautet die brutale Parole. Wer kein Sieger ist, ist ein Versager. Soziales Engagement, Solidarität und Sensibilität für Schwache und Arme werden mit Häme bedacht und als ökonomisch störend geschmäht. Der in voller Absicht herbeigeführte Zerfall unserer Gesellschaft löst jetzt eine Gegenbewegung aus. Immer mehr junge Menschen wollen wieder zusammen sein, sich auch physisch spüren, sich riechen können – und gemeinsam die Welt verändern, die sie als ungerecht und unmenschlich erfahren. Ihre Popstars heissen Obama und Benedikt – und sie stehen für viel mehr als nur Pop.

Sind Sie nun doch zum Fan geworden?
Nicht von Obama, schon gar nicht vom Papst. Aber womöglich werde ich Fan dieser Jugendbewegung. Wenn sie ihren Kampf fortsetzt.

Marc Walder, 42 (l.), ist Chefredaktor des SonntagsBlicks.

Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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