
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
play
Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal Frank A. Meyer, «Der Spiegel» bezeichnet die erste Dekade des neuen Jahrtausends auf seiner Titelseite als «Das verlorene Jahrzehnt». Würden Sie es auch so nennen?
Ich fand die Jahre des Kalten Kriegs viel schwerer, weil jederzeit ein Atomkrieg ausbrechen konnte. Meine Generation musste leben mit der latenten Angst. Das hat die Menschen geprägt, manche bis tief in die Seele hinein.
Und der Terror von 9/11? Die Finanzkrise? Die Klimakatastrophe? Die Selbstmordattentate? Afghanistan? Somalia? Iran?
Ich glaube, dass jede Generation mit ihren Ängsten fertig werden muss. Denken Sie an Menschen, die den Ersten Weltkrieg durchlitten haben, an Menschen, die den Nazismus, den Zweiten Weltkrieg oder eine kommunistische Diktatur durchmachen mussten, an Menschen, die all dies nacheinander erlebt haben ... Und doch gab es stets Aufbruch, Hoffnung und starke gesellschaftliche Kräfte, die für eine bessere Zukunft kämpften. Das fehlt mir heute.
Liegt es daran, dass die Welt kleiner geworden ist? Jeder ist der Nachbar von jedem, im Finanzsystem hängt alles zusammen und die Luftverschmutzung in China betrifft auch uns. Alles ist dichter herangerückt durch Google, Twitter, Skype und Co.
Ich glaube, daran liegt es nicht. Es liegt vielmehr an der totalen Ökonomisierung von allem und jedem. Erst war die Dotcom-Blase in den Neunzigerjahren, die dann krachend platzte. Es folgte der Goldrush der Finanzwirtschaft – der Drang nach materiellem Erfolg riss sogar Kultur und Kunst in den Orkus des Marktgeschehens.
Hat Geld nicht schon immer die Welt regiert?
Geld war immer Macht, aber noch nie bestimmte die Gier nach Geld die Gesellschaft so sehr wie im vergangenen Jahrzehnt. Der materielle Egoismus wurde nachgerade zu einer Religion: der Religion des Ultraliberalismus – ein gnadenlos kaltes Herrschaftsinstrument. Er degradiert den Menschen zum reinen Produktionsfaktor. Nur noch wirtschaftliche Nützlichkeit ist von Wert. Diese Religion ist absolut amoralisch. Sie lässt die Menschen frösteln und frieren.
Das werden der Papst, die Mullahs und Imame gerne hören.
Die Mullahs und Imame des Finanzsystems dagegen hören das gar nicht gerne. Zum Beispiel Josef Ackermann von der Deutschen Bank oder Lloyd Blankfein von Goldman Sachs.
Aber was haben die mit der Klimakatastrophe zu tun?
Erstens ist die Klimakatastrophe auch eine Folge rücksichtslosen Wirtschaftens. Zweitens wird jeder Kampf gegen sie von der Gier nach materiellem Erfolg erstickt, weil der Kampf ums Klima dem ökonomischen Wahn in die Quere kommt. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass das Weltklima zu kippen droht. Doch die wirtschaftsgläubige Politik entwickelte kein globales Gesellschaftsprojekt dagegen.
Zum Jahrtausendwechsel prophezeite der berühmte US-Politologe Francis Fukuyama das «Ende der Geschichte».
Er prophezeite, was der Ultraliberalismus verspricht: ein Paradies, wo alles geregelt ist – durch den Markt. Das Paradies aber ist der Ort, wo es keine Hoffnung gibt, weil es keine mehr braucht. So haben wir es in diesem «verlorenen Jahrzehnt» erlebt. Wir fühlen uns nicht mehr verpflichtet auf eine bessere Zukunft. Das ist das Drama der Generation, die in der Ära des Ökonomismus sozialisiert wurde: Gestern war nichts, heute ist alles und morgen bin nur ich.
Ihre Meinung interessiert uns: Das letzte Jahrzehnt – «verlorene Jahre»? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.