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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, waren Sie dieses Jahr beim World Economic Forum?
Nein, ich passe dort nicht hin ...
Aber wieso denn nicht?
Es sind ja ohnehin schon alle in Davos. Was soll ich denn auch noch da!? Ich diskutiere am liebsten zu Hause, im kleinen Kreis, mit Freunden und Gästen.
Beim diesjährigen WEF fuhr die Kantonspolizei Graubünden einen bemerkenswerten Einsatz: Aus dem Lädeli einer älteren Dame entfernte sie eine Tibetflagge, weil sich Chinas Premierminister Wen Jiabao darüber hätte ärgern können. Was sagen Sie dazu?
Das erstaunt mich nicht.
Aber es ist doch ein Skandal!
Alljährlich stellt die Schweiz während des WEF in Davos chinesische Verhältnisse her: Mit Tausenden von Soldaten und Polizisten, mit Luftraumsperre und kilometerweise Stacheldraht, mit Schützenpanzern, Hubschraubern und Kampfjets in Bereitschaft wird Politikern, Managern und Potentaten eine keimfreie Atmosphäre in der Bergidylle garantiert. Deshalb musste sofort eingeschritten werden, als im Schaufenster von Margrit Merz plötzlich Demokratie keimte: in Form einer kleinen Tibetfahne. Der «Geist von Davos» duldet so etwas nicht.
In Davos gibt es doch durchaus Widerspruch ...
Klaus Schwab ist eben ein Meister des Alibis.
Wie meinen Sie das?
Der WEF-Gastgeber organisiert mit Akribie die wirkungslose Widerrede. Er schmückt seine sechstägige Beichtmesse für bussfertige Manager mit dem mahnenden Zeigefinger einiger Hofnarren – unter anderem am sogenannten Open Forum, das sinnigerweise der Evangelische Kirchenbund mit geradezu rührender Naivität zelebriert. Die Gäste sollen geläutert von hinnen ziehen, indem sie Besserung geloben fürs profane Tagwerk drunten im Tal. Das WEF-Ritual garantiert gutes Gewissen. Dafür verlangt Klaus Schwab gutes Geld. Ein geniales Geschäft.
Bund und Kanton beteiligen sich daran mit rund 8 Millionen ...
... nicht am Geschäft. An den Kosten!
Zurück zur Tibet-Fahne im Schaufenster von Margrit Merz: Wollte die Schweiz nicht einfach nur höflich sein dem hohen Gast aus Peking gegenüber?
Die Schweiz liebt Fahnen, Flaggen und Fähnchen, sie liebt auch die Freiheit – solange es das Geschäft nicht stört. Deshalb wurden Demonstrationen gegen das WEF auch andernorts mit massiven Polizei-Einsätzen behindert. Die helvetische Geschäftstüchtigkeit steht nun mal über der Freiheitsliebe von Schweizer Bürgerinnen und Bürgern. Zum Beispiel über der von Frau Merz in Davos.
Ihre Meinung interessiert uns: Darf die Rücksicht auf die Mächtigen am WEF in Davos so weit gehen, dass auch eine Tibetflagge verschwinden muss? Diskutieren Sie mit anderen Lesern.