
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie geben den Deutschen recht, wenn sie CDs mit geklauten Schweizer Kontodaten kaufen. Was meinen eigentlich Ihre Leser dazu?
Ich bin dafür, dass die Deutschen kaufen, was ihnen ohnehin gehört.Die Daten sind der Schlüssel zu riesigen Summen hinterzogener Steuern – also zu Diebesgut, das Schweizer Banken als Hehler verwalten, unter dem Deckmantel des Bankgeheimnisses.
Und? Erhalten Sie nun viele Rückmeldungen?
Es sind auffallend wenige, und meistens sind es Beschimpfungen. Aus der rechten Ecke kommt natürlich die peinlichste Post. Aber daran habe ich mich längst gewöhnt. Ich kämpfe schon seit zwanzig Jahren gegen das Bankgeheimnis für Steuerbetrüger aus dem Ausland.
Aber sind die Reaktionen nicht verständlich? Auch die offizielle Schweiz wehrt sich ja heftig gegen den Datenklau.
Die Reaktionen, leider auch der Schweizer Medien, sind nicht nur heftig, sie sind vulgär: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble werden als gesuchte Schwerverbrecher plakatiert. Es wird gefordert, jeden deutschen Minister zu verhaften, der Schweizer Boden betritt. Blocher, der Pate dieses vulgären politischen Milieus, unterstellt der deutschen Kanzlerin mangelhaftes Demokratieverständnis, weil sie ja aus der DDR stamme. Wie immer bei Blocher ist diese Beschimpfung besonders perfide. Angela Merkel weiss im Unterschied zu ihm, was eine Diktatur ist; sie hat sie am eigenen Leib erlebt und ist gerade deshalb eine sehr sensible und unerschütterliche Demokratin.
Reagieren die Schweizer vielleicht deshalb so emotional, weil es um die Deutschen geht?
Lieber Marc Walder, es ist nicht die Reaktion der Schweizer!
Sondern?
Es ist nur die Reaktion der Deutschschweizer. Bei den Deutschschweizern sind seit jeher Angst, Abneigung und Misstrauen im Spiel, wenn es um Konflikte mit dem nördlichen Nachbarn geht. In diesem Reflex schwingen historische Erfahrungen mit, aber auch Minderwertigkeitskomplexe der kleinen Deutschschweiz gegenüber der grössten und politisch wie wirtschaftlich bedeutendsten Nation Europas.
Das erklärt doch nicht den gegenwärtigen Gefühlsausbruch!
Da haben Sie recht. In diesem Amalgam aus Wut und Verwirrung steckt auch eine gewaltige Verunsicherung und vor allem der Unwille, der Wirklichkeit ins Auge zu blicken, die Abwehr jeder Selbstkritik. Es muss ein Schuldiger her, weil man vor der eigenen Schuld die Augen verschliesst. Deutschland eignet sich trefflich zum Sündenbock.
Sie leben ja nun in Deutschland. Wie wird dort diskutiert?
Durch die Fernseh-Talkshows pilgern die Prediger des primitivsten Schweizer Patriotismus. Aber das gefällt polarisierenden Moderatoren wie beispielsweise Frank Plasberg. Denn Talkmaster sind Talkmaster – je lärmiger es zugeht, desto wohler ist ihnen. Ganz anders der Stil in den gedruckten Medien: differenzierte Berichte über das Dilemma der Schweiz, faire bis selbstkritische Kommentare, auch was den Ankauf illegaler Daten betrifft. Das ist ein Klassenunterschied zu den meisten Schweizer Printmedien.
Jetzt sind Sie aber zu hart zur Schweiz!
Ich bin noch nicht fertig: In unserem politischen Diskurs, in unserer Streitkultur, in unserem Umgang mit den andern müssen wir dringend europäisches Niveau entwickeln. Im Fussball scheint uns das schon zu gelingen. Das stimmt mich hoffnungsfroh...
Ihre Meinung interessiert uns: Braucht die Schweiz eine niveauvollere Streitkultur? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.