Frank A. Meyer Treuherzige Schweiz

  • Publiziert: 19.11.2011, Aktualisiert: 28.01.2012
  • Frank A. Meyer

Wieder will Deutschland eine CD mit Bankdaten kaufen, diesmal sind es Strafverfolger aus Nordrhein-Westfalen.

Und wieder will Deutschland eine CD mit Bankdaten kaufen, diesmal sind es Strafverfolger aus Nordrhein-Westfalen. Und wieder handelt es sich um Daten über Schwarzgeld auf Schweizer Konten. Und wieder kann es zu Strafverfahren gegen deutsche Steuerkriminelle kommen. Und wieder können wir Schweizer uns empören, auch diesmal mit dem geläufigen Sätzlein:

«Es ist ein Skandal, dass sich Deutschland mit einem Dieb einlässt und ihm für gestohlene Daten auch noch Geld bezahlt.»

Trifft doch zu, dieses Sätzlein, oder? Ja, es trifft zu. Nur haben wir Schweizer bisher nicht gelernt, das Sätzlein aus der Sicht der Deutschen aufzusagen. Das würde sich folgendermassen anhören:

«Es ist ein Skandal, dass sich die Schweiz mit Steuerdieben einlässt und das Verstecken der Beute auch noch zum Geschäft macht.»

Trifft doch zu, dieses Sätzlein, oder? Ja, es trifft zu. Nur ist es sperrig, sogar sehr sperrig fürs Schweizer Mundwerk. Denn das Bewusstsein der Schweizer für Unrecht trübt sich blitzartig ein, sobald es um ihre Banken geht. Dazu hält dann der Volksmund rasch einen hilfreichen Reim bereit:

«Wir sind klein, unser Herz ist rein.»

Jüngst wollte der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy diese Selbstsicht nicht mit uns teilen. Am G20-Gipfel kritisierte er die Schweiz als Steueroase. Idigniert bestellte Micheline Calmy-Rey den französischen Botschafter ins Aussenministerium ein, um ihm im Pluralis Majestatis mitzuteilen: «Wir waren sehr überrascht und unzufrieden.»

Auch Eveline Widmer-Schlumpf verbat sich bei ihrem Paris-Besuch Sarkozys böse Beurteilung. Gegenüber Wirtschaftsminister François Baroin bekundete die Finanzministerin ihr «Befremden über die französischen Äusserungen zur steuerlichen Zusammenarbeit der Schweiz».

So ist die Welt: befremdlich für Schweizer – Lästermäuler überall. Ohne Grund?

Eben erfahren wir: Eine EU-Taskforce will den Griechen helfen, Steuermilliarden aus der Schweiz in die Not leidende Staatskasse zurückzubringen. Die «Neue Zürcher Zeitung» weiss zu berichten, «es seien von griechischen Bürgern ‹riesige Summen› in die Schweiz kanalisiert worden (...)».

So ist die Schweiz: befremdlich für andere Nationen.

Generationen von Bankern bunkerten Milliarden um Milliarden um Milliarden, die eigentlich befreundeten Nationen gehörten. Über viele Jahrzehnte plünderte die Schweiz fremde Staatskassen. Die Schweiz? Ja, die Schweiz, denn das Bankgeheimnis diente nicht nur den Banken, sondern auch dem ganzen Land als Geschäftsmodell.

In einem Interview mit SonntagsBlick gestand der neue UBS-Chef Sergio Ermotti: «Die Schweiz ist reich geworden durch Schwarzgeld. Wenn wir überall einen Schwarzen Peter verteilen würden, wo unversteuertes Geld drin ist, wäre die ganze Bahnhofstrasse voll von Schwarzen Petern.»

Mit Steuerabkommen soll die Schweiz vom Ruf befreit werden, eine rücksichtslose Raffernation zu sein. Nach allen Himmelsrichtungen wird verhandelt. Allerdings immer noch im Geist von gestern: Nichts freiwillig konzedieren, die Partner mit juristischer und finanztechnischer Schlaumeierei übervorteilen – wie eben gerade im Falle Deutschlands.

So ist die treuherzige Schweiz: ganz und gar in ihre kurzfristigen Interessen versponnen – im Kokon ihrer Selbstgefälligkeit.

Ja, die Welt ist voller Lästermäuler. Müssen wir sie zur Ordnung rufen? Sind wir dazu die Richtigen?

Top 3

1 Frank A. Meyer Die eine und die andere Wahrheitbullet
2 Frank A. Meyer Was für Sätze!bullet
3 Frank A. Meyer Ausgerechnet die UBSbullet

Politik