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Unser Held heisst Markus Zemp. Er ist 56-jährig und seit vier Jahren christdemokratischer Nationalrat. Vor allem ist er Interessenvertreter der Bauern. Ein ordentlicher Mann.
Jetzt hat er vom politischen Betrieb in Bern die Nase voll, wie der BLICK berichtet. Das politische Ringen um den UBS-Staatsvertrag habe das Fass zum Überlaufen gebracht, wie ebenfalls der BLICK berichtet.
Markus Zemp selbst weiss zu berichten: «Ich habe mich geschämt, Politiker zu sein.» Und auch: «Was die SP und die SVP da abgeliefert haben, war ein Höllenwahnsinn.»
Na so was: «Höllenwahnsinn» im Berner Bundeshaus!
Da will es Markus Zemp wohl niemand verargen, dass er dem Ort des Schreckens entflieht, bevor ihn selbst die Hölle verschlingt oder der Wahnsinn befällt. Die guten Wünsche aller aufrechten Schweizer mögen ihn begleiten.
Doch was geschah, was geschieht in Bern wirklich? Es geschieht Politik. Demokratische Politik.
Zum Beispiel versuchten die Sozialdemokraten, ihre bankenkritischen Forderungen gegen ein Ja zum UBS-Staatsvertrag einzutauschen.
Zum Beispiel versuchte die Schweizerische Volkspartei, ihre inneren Widersprüche im Umgang mit den Grossbanken durch populistische Propaganda zu verschleiern.
Zum Beispiel versuchten die Freisinnigen, ihren Herren an der Zürcher Bahnhofstrasse zu dienen.
Zum Beispiel versuchten die Christdemokraten, den Bankenbären zu waschen, ohne das Fell nass zu machen.
All das war Politik. Demokratische Politik. Im Interesse von Wählerinnen und Wählern. Im Interesse von Interessengruppen. Es war Politik, wie unser Held Markus Zemp sie bis dato machte – als Interessenvertreter der Bauern.
Doch Markus Zemp sagt zum Abschied: «Wenn die Kameras abgeschaltet waren, gaben die Linken und Rechten zu, dass sie die Interessen ihrer Parteien über jene des Landes stellten.»
Der Satz ist ein schlauer Satz – für Kamera und Mikrofon. Aber ist er auch noch stimmig, wenn Kamera und Mikrofon abgeschaltet sind? Wenn man ihn näher unter die Lese-Lupe nimmt?
Wer definiert denn, was «die Interessen des Landes» sind? Markus Zemp? Also der Präsident des schweizerischen und europäischen Braunviehzuchtverbandes sowie der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter, der Nationalrat, der in Bern die Interessen der Bauern vertrat? Sind die Interessen der Bauern die Interessen des Landes? Markus Zemp ist ja auch noch Präsident des Brauereiverbandes. Sind vielleicht gar die Interessen der Brauer die Interessen des Landes?
Genau da liegt das Problem – und die Lösung des Problems: Die Demokratie handelt von Interessen und sie verhandelt Interessen. In den parlamentarischen Debatten um den UBS-Staatsvertrag prallten die bankenkritischen Forderungen der Sozialdemokraten auf die Verteidigung der UBS durch die Bankenpartei Freisinn und auf die populistisch bemäntelte Bankenhörigkeit Blochers und auf die milde Bankenschelte der Christdemokraten.
Die Medien präsentierten die Auseinandersetzung als Tohuwabohu. Doch es war nur demokratische Politik, allerdings bei ungewöhnlicher Windstärke – der Wind wehte vom Atlantik her, war also mehr als Föhn oder Bise.
Die Demokratie funktioniert nicht wohlgeordnet. Sie funktioniert am besten, wenn Überzeugungen und Interessen Unordnung stiften. Die Ästhetik der Demokratie gleicht der Ästhetik eines Bühnenstücks von Friedrich Dürrenmatt: dramatisch und grotesk und paradox und witzig und manchmal auch lächerlich – Auftritte und Abtritte sonder Zahl.
Auch diejenigen, denen das alles nicht passt, gehören dazu. Sogar Markus Zemp. Schade, dass er geht. Ein Dürrenmatt’scher Abtritt ist es immerhin: Je nach Sicht der Dinge dramatisch oder grotesk, paradox oder witzig. Vielleicht sogar ein bisschen lächerlich?
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Publizist Frank A. Meyer.
(RDB/Sobli)