Frank A. Meyer Schlagende Beweise

  • Publiziert: 06.08.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Hoffnungen wurden Anfang dieses Jahres geweckt. Aber die Demokratisierung in Nordafrika kommt nur zagend voran. Die Parallelen zu der Entwicklung im Iran 1979 sind augenfällig.

Was war das für ein Jubel, als Tunesier und Ägypter vor wenigen Monaten ihre Diktatoren Ben Ali und Mubarak stürzten! Von «demokratischer Revolution» schwärmten die Islam-Flüsterer. Und vom «schlagenden Beweis», dass der Islam kompatibel sei mit Demokratie. Den Islam-Kritikern wurde empfohlen, endlich umzulernen.

Inzwischen sieht es so aus, als müssten die Islam-Flüsterer ihrerseits umlernen, denn in Tunesien und Ägypten ist es um die demokratische Entwicklung nicht gerade zum Besten bestellt. Hamed Abdel-Samad, Politologe und Kämpfer auf dem Tahrir-Platz, stellt fest: «Es wachsen die Kräfte der Gegenrevolution.»

Was heisst das? In Ägypten heisst es beispielsweise, dass der Militärrat beschloss, Artikel 2 der Mubarak-Verfassung beizubehalten, laut dem der Islam Staatsreligion ist und die Scharia Hauptquelle der Gesetzgebung. Damit werden die Muslimbrüder für ihr Wohlverhalten gegenüber dem Militär belohnt.

Schlussfolgerung der ägyptischen Frauenrechtlerin Nihad Abu el Komsan: «Die Bedingungen für den Kampf um die Rechte der Frauen sind schlechter geworden.» Die deutsche Journalistin Nina Hermann berichtet aus Kairo: «Eine Demonstration zum Internationalen Frauentag auf dem Tahrir-Platz wurde von etwa 200 Männern angegriffen, die Demonstrantinnen wurden beschimpft, betatscht, verschleppt. Die Armee stand untätig daneben. Erst am Tag darauf schlug sie zu: An gleicher Stelle verhaftete sie demonstrierende Frauen, nötigte etliche zu Jungfräulichkeitstests, folterte mit Elektroschlägen.»

Die Fundamentalisten machen mobil gegen das weibliche Geschlecht. In den Moscheen, aber auch schon im Fernsehen wird gegen unverschleierte Frauen gehetzt. In Kairo forderten jüngst
Hunderttausende Demonstranten den «Gottesstaat», also den totalen Kerker für Mütter und Töchter und Schwestern.

Nina Hermann beschreibt, wie weit der Rückschritt sogar in den Köpfen der Frauen selber schon gediehen ist: «Nur noch etwa jede zehnte Ägypterin verlässt ohne Kopftuch oder Schleier das Haus. Über 80 Prozent glauben, dass die Schuld für sexuelle Übergriffe bei den Frauen selbst liege, in der Art und Weise, wie sie sich kleiden.»

Die linken und liberalen Schönredner des Islam berufen sich immer wieder auf die Freiwilligkeit, mit welcher Musliminnen Kopftuch oder Schleier anlegten. Nawal al Saadawi, die 80-jährige Grande Dame der ägyptischen Frauenbewegung, spricht von einer «Verschleierung des Bewusstseins»; es führe dazu, «dass die Frauen zu ihren eigenen Feinden werden».

Am Schicksal der Frauen wird deutlich, wie weit das Selbstverständnis des Islam noch entfernt ist von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten.

Und was tun wir? Was tun die hochgemuten Frauenbewegungen Europas – auch der Schweiz? Was die Linken, die sich so gern in der Strahlkraft ihrer Forderung nach Frauenquoten sonnen? Was die Liberalen, die sich doch so sehr als Gralshüter der individuellen Freiheiten gefallen? Was die Grünen, die das politische Schiesspulver ja gerade neu erfunden haben? Was die Parteien, die Parlamente, die Regierungen?

Gibt es öffentlichen Druck – Frauendruck! – auf die absolutistisch regierende Monarchie Saudi-Arabiens, deren Regime die frauenfeindliche Gegenrevolution in vielen arabischen Ländern finanziert? Geht von den europäischen Demokratien die Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen im Maghreb und im Nahen Osten aus? Werden Hilfen für die neuen Machthaber an säkulare Verfassungen geknüpft?

In Nordafrika – von uns Europäern aus gesehen gleich gegenüber – wird gerade Geschichte geschrieben. Wir gucken zu. Und applaudieren. Noch.

Das gab es schon einmal: 1979 wurde der Schah von Persien durch Ayatollah Chomeini aus dem Land gejagt. Unter dem Applaus westlicher Demokraten. Seither ist der Iran eine islamische Diktatur. Die Frauen bezahlen dafür den höchsten Preis.

Soll sich die Geschichte in Tunesien und Ägypten wiederholen?

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