Non olet?

  • Publiziert: 24.05.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Die UBS wirbt für Anlageprodukte, sogenannte Exchange Traded Commodities (ETC), über die sich Investoren an den Rohstoffmärkten beteiligen können: «ETCs auf Agrarrohstoffe und Lebendvieh».

Lässt man das Bankenchinesisch beiseite, heisst das: Die UBS animiert zur Spekulation mit Nahrungsmitteln. Sie macht also, wie der BLICK ebenso simpel wie präzis formuliert: «Rendite mit hungernden Kindern».

Die Rendite ergibt sich durch die rasant steigenden Preise für Nahrungsmittel. Die UBS rechnet stolz vor, dass sich die Grundnahrungsmittel, zum Beispiel Mais, seit Januar 2008 um 35,6 Prozent verteuert haben.

Das Elend hungernder Kinder in der Dritten Welt lässt das Herz von Spekulanten höher schlagen.

Der freisinnige Nationalrat Otto Ineichen fordert: «Stoppt diese Geschäfte.» Und er hält kategorisch fest: «Mit Nahrungsmitteln, Wasser und Gütern des Grundbedarfs darf nicht spekuliert werden.»

Was unterscheidet den Unternehmer Otto Ineichen von den Bankern, die aus dem Unglück der Armen das Glück der Reichen schmieden?

Otto Ineichen – weiss Gott ein Kapitalist! – hat Anstand und Gemüt. Ist Otto Ineichen ein guter Mensch? Und sind die Nahrungsmittel-Spekulanten schlechte?

Otto Ineichen ist ganz einfach ein Mensch, manchmal ein besserer, manchmal ein weniger guter. Aber ein Mensch. Und als Mensch reagiert er auf menschliches Elend: empört, zornig und laut!

Die Banker dagegen haben den Menschen in sich ausser Kraft gesetzt, der auf menschliches Elend empört, zornig und laut reagieren müsste. Anders ist nicht zu erklären, dass sie sich an den steigenden Preisen der Nahrungsmittel erquicken, dass sie in diesen Preisen nichts als ihren Profit erblicken.

Auch Banker sind manchmal bessere, manchmal weniger gute Menschen – im Familienkreis, im Freundeskreis. Doch im Geschäft wollen sie vom einfachen Menschen, der zu Empörung und Mitleid fähig ist, nichts wissen. Er steht ihrer Gier nach mehr und noch mehr und immer, immer mehr im Weg. Deshalb muss er ausgeblendet werden.

Der Mensch als Massstab fürs Geldgeschäft: untauglich.

Die Finanzkrise führt uns gerade vor, wie das geht: Als das ganz grosse Rad mit miesen Hypotheken gedreht wurde, galten menschliche Vernunft und menschliches Mass nicht das Geringste. Bis Banker und Banken selbst unters Rad kamen.

Man hätte meinen können, nun sei die Stunde von Ethik und Moral im Geldgeschäft gekommen. Doch die neue Spekulationswelle mit ständig teureren Nahrungsmitteln belehrt uns eines Schlechteren: nichts gelernt, alles vergessen.

Warum das so ist? Die globalisierte Finanzwirtschaft kennt das Kriterium Moral gar nicht. Sie handelt deshalb auch nicht unmoralisch. Ihr Tun und Lassen bewegt sich jenseits von moralisch und unmoralisch. Es ist – amoralisch.

Der römische Kaiser Titus Flavius Vespasianus (9–79 n. Chr.) hielt seinem Sohn Titus, der die Besteuerung der öffentlichen Latrinen kritisierte, ein Goldstück unter die Nase und fragte, ob ihn der Geruch störe. Der Sohn verneinte.

Und der Kaiser triumphierte: «Non olet – Geld stinkt nicht!»

Vespasian ist mitten unter uns.

Frank A. Meyer play Frank A. Meyer

Top 3

1 Frank A. Meyer Die eine und die andere Wahrheitbullet
2 Frank A. Meyer Was für Sätze!bullet
3 Frank A. Meyer Ausgerechnet die UBSbullet

Politik