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Man muss die Sätze feiern, wie sie fallen. Brady Dougan, oberster operativer Chef der Credit Suisse, äusserte diese Woche in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung zum Thema Boni-Milliarden Folgendes: «Man kann die Kompensation einer Bank nicht einfach abgetrennt von der Leistung anschauen. Ohne dieses System wäre es viel schwieriger gewesen, die Bank durch die Krise zu führen.»
Was sagt uns Brady Dougan mit diesen Sätzen?
Erstens: Der CS-Chef spricht nicht von Lohn oder Gehalt oder Boni, sondern von «Kompensation». Er vermeidet dadurch die geläufigen Begriffe, die zu Reizwörtern geworden sind, wenn von Bankern die Rede ist. «Kompensation» klingt betriebswirtschaftlich sachlich und professionell distanziert. Mit unverschämtem Abkassieren hat dieses elegante Fremdwort nichts zu tun. Auch dass Brady Dougan von seinen persönlichen Bezügen spricht, kommt dem Leser nicht gleich in den Sinn.
Zweitens: Der CEO der Credit Suisse kassiert rund 90 Millionen Franken «Kompensation», also Lohn oder Gehalt – jedenfalls das, was ein normaler Arbeitnehmer unter diesen normalen Begriffen versteht. Kann die Arbeit eines Arbeitnehmers – und letztlich ist ja auch Brady Dougan einer – 90 Millionen wert sein? Kompensation bedeutet «Ausgleich». Die 90 Millionen wären demnach der Ausgleich für eine Leistung. Der CS-Chef müsste über wahrhaft göttliche Begabungen verfügen, über göttliche Kräfte gar: ein Bank-Gott, wie Marcel Ospel einer war.
Drittens: Ohne das «Kompensations-System» der Credit Suisse, sagt der Bank-Gott, «wäre es viel schwieriger gewesen, die Bank durch die Krise zu führen». Beziehen wir diese Aussage auf Brady Dougan selbst, der ja in grösstem Ausmass von diesem seinem «Kompensations-System» profitiert, heisst das: Für weniger Geld wäre es ihm viel schwerer gefallen, die CS durch die Krise zu führen, wäre er weniger motiviert gewesen, hätte er weniger Fiduz zur Führung der Bank ge- habt – weniger Geld, weniger Leistung! Ist der Satz anders zu verstehen? Nein, so reden und so denken die Brady Dougans nun mal.
Viertens: Das «Kompensations-System» ist unabänderlich, so wird uns weisgemacht, gewissermassen gottgewollt. Die Bezüge der «Global Player» gereichten deshalb den Banken zum Guten, ja zum Besten. Ganz besonders sind die Investmentbanking-Spezialisten, die an ihren Bildschirmen das globalisierte Casino betreiben, in die Schicksalsgemeinschaft der Boni-Banker eingebunden. Auch sie wollen horrend hoch kompensiert werden, damit sie Höchstleistungen erbringen. Die Teuersten, weil Besten sind da gerade gut genug. Allein sie vermögen Banken wie die CS «durch die Krise zu führen», wie wir Brady Dougans mahnenden Worten entnehmen. Nur: Sassen die Teuersten und Besten nicht bereits an ihren Bildschirmen, als sie das Welt-Finanzsystem ins Debakel spekulierten? Genau: Die Teuersten und Besten von heute waren gerade noch gestern die Teuersten und Schlechtesten. Auch Brady Dougan zählte als Investmentbanker und Investmentbanking-Chef zu dieser ehrenwerten Gesellschaft.
Fünftens: Brady Dougans Botschaft ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Es gibt viele hochanständige Geldhäuser. Zum Beispiel die Raiffeisen-Banken. Pierin Vincenz ist ihr höchster operativer Chef. Er kassierte für 2009 gut zwei Millionen Franken «Kompensation», fast 45-mal weniger als Brady Dougan. Pierin Vincenz ist ein vorzüglicher Bankchef, vor allem auch ein honoriger, ein Banquier. Seine Bank ist der schweizerischen Volkswirtschaft überaus dienlich, vorab dem unternehmerischen Mittelstand. Wäre der Raiffeisen-Chef fähig, die CS für gut zwei Millionen Franken pro Jahr durch die Krise zu führen? Oder wäre er unfähig, weil er nicht zum globalen Klub der Teuersten gehört, also kein Bester sein kann? Im Gegenteil: Würde Pierin Vincenz um neun Uhr morgens zum CS-Chef berufen, wäre er in der Lage, ab elf Uhr die Funktion von Brady Dougan zu erfüllen.
Sechstens: Das Kartell der Abkassierer von der New Yorker Wall Street über die Londoner City bis zur Zürcher Bahnhofstrasse ist nur zu sprengen, wenn eine Bank es endlich wagt: runter mit den Brady-Dougan-Kompensationen! Weg mit den Boni! Wer die Credit Suisse für gut zwei Millionen nicht führen will, weil ihn so wenig Geld zu wenig motiviert, der soll gehen. Und wer für sein Investmentgeschäft Millionen-Boni fordert, der soll sich eine Stelle suchen. Eine neue Generation wird sich im Handumdrehen auf die Chefsessel schwingen und hinter die Bildschirme klemmen: für gesellschaftsverträgliche Löhne.
Siebtens: Was Brady Dougan uns über die Notwendigkeit des heutigen «Kompensations-Systems» der Weltbanken erzählt, ist nichts als Kartell-Ideologie. Märchen enden oft mit dem Satz: «Wer’s glaubt, zahlt einen Thaler.» Weltwirtschaft und Staatenwelt zahlen für das Märchen von Brady Dougan Milliarden Thaler, Tausende Milliarden Thaler.
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Publizist Frank A. Meyer.
(RDB/Sobli)