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Am Samstag vor einer Woche stellte das Magazin des Zürcher «Tages-Anzeigers» eine Behauptung auf: «In vielen Ländern hätte Samuel Schmid längst zurücktreten müssen.» Und liess die Frage folgen: «Warum nicht bei uns?»
Am Montag darauf schmückte folgende Überschrift Seite drei des «Tages-Anzeigers»: «Die Finanzkrise rettet den Kopf von Bundesrat Schmid.»
Seit Mitte Juli steht Samuel Schmid im Trommelfeuer der Medien. Regierungssprecher Oswald Sigg sagt dazu: «Ich habe noch nie einen solchen Druck auf ein Bundesratsmitglied erlebt.» Dann formuliert er die Frage: «Was läuft hier eigentlich ab?»
Es läuft eine systematische Hetzkampagne ab: gegen den Seeländer Bundesrat, angeführt von den Tamedia-Zeitungen «Tages-Anzeiger», «SonntagsZeitung» und «Berner Zeitung», im Einklang mit Radio DRS, sekundiert vom «Blick am Abend», zeitweise vom BLICK selbst.
Aber auch die übrige Medienszene verlustiert sich bei der fröhlichen Hatz auf den Verteidigungsminister, der wegen abweichender Überzeugungen die SVP verlassen hat – und den Attacken deshalb wehrlos ausgeliefert ist.
Samuel Schmids Kopf muss rollen! So das Verdikt der journalistischen Scharfrichter. Weil nun aber Schmid seinen Kopf nicht freiwillig unter die Guillotine der Journaille legen will, muss er mit allen publizistischen Mitteln fertiggemacht werden.
Die Kampagne gegen Samuel Schmid zielt durch Herabsetzung, Hohn und Häme auf die psychische Beschädigung seiner Person.
Was hat Samuel Schmid verbrochen? Bei der Berufung des Armeechefs Roland Nef hat er Fehler gemacht: durch Vertrauensseligkeit, durch falsche Gewichtung von privaten, aber doch charakterlich aufschlussreichen Fehlleistungen seines Kandidaten, schliesslich durch zögerliche Krisenbewältigung, heilloses Lavieren, Schlaumeiereien.
Das ist nicht wenig und gehört kritisiert. Schmid ist durchaus kein Tugendbold. Schmid ist nur ein ganz normaler Politiker.
Doch hat er goldene Löffel gestohlen? Die Verfassung gebrochen? Gehört er wegen politischer Kapitalverbrechen vom Hof gejagt?
Die Bundesversammlung wählt ihre Bundesräte auf vier Jahre. Sie sind nicht absetzbar. Das macht sie unabhängig von kurzfristigen Stimmungen und Verstimmungen in der politischen Öffentlichkeit. Und es gibt ihnen die Freiheit, gelegentlich Fehler zu machen und zu korrigieren, also ohne ständige Furcht vor Rücktrittsforderungen aus Politik und Publizistik zu arbeiten.
Diese von der Verfassung garantierte Freiheit wollen die Medien Bundesrat Samuel Schmid partout nicht zugestehen.
Weshalb? Was steckt hinter der Wortgewalt, mit der sie versuchen, den Verteidigungsminister aus dem Amt zu kegeln? Was löst den Hass aus, der durch so viele Zeilen blitzt, die Schmid gezielt zu verletzen trachten?
Das Phänomen ist nur psychologisch zu erklären: Die Meute hat ihr Liebesobjekt verloren – Christoph Blocher.
Am 12. Dezember 2007 wählte die Bundesversammlung den Journalisten ausgerechnet IHN vor der Nase weg, auf den sie seit Jahren fixiert waren, in Ehrfurcht erstarrt vor dessen wirtschaftlicher und politischer Macht, zu seinen Füssen liegend und ergeben an seinen Lippen hängend: Was sagt er? Welches seiner Worte dürfen wir zitieren?
Bisweilen begehrten sie sogar gegen ihn auf und duckten sich alsogleich wohlig unter der Züchtigung, die er ihnen mit seiner Wortpeitsche angedeihen liess.
Die «Weltwoche», eine ehedem renommierte Zeitung, regredierte zum publizistischen Boudoir ihres Zuchtmeisters, der Chefredaktor zu seinem journalistischen Lustknaben. Sogar die sonst so spröde «Neue Zürcher Zeitung», einst selbstbewusste Denkzeitung des Freisinns, erging sich in peinlichen Ehrerbietungen und Kratzfüssen. Ein besonders ergebener Jünger machte aus dem innigen Zwiegespräch mit seinem Übervater das «Blocher-Fernsehen»: die perverseste Liebedienerei, die der Schweizer Journalismus seit dem Ende der Parteizeitungen je hervorgebracht hat.
So wurde für die journalistische Blocher-Szene die Wahl seiner Nachfolgerin Eveline Widmer-Schlumpf zwangsläufig zum Schockerlebnis: das Liebesobjekt Blocher verraten, verjagt, besiegt. Welch unfassbarer Vorgang. Welch schreckliche Frustration!
Ein Trauma, aus dem der tiefe Wunsch nach Rache entstand.
Doch die ebenso geradlinige wie mutige Frau aus dem Bündnerland eignete sich nicht als Objekt der Rache. Sie war seit dem Tag ihrer Wahl die Heldin des Volkes. Sie deklassierte in einem TV-Auftritt gleich auch den Helden der Journalisten. Und sie ist eine Frau.
So raste der See, bis er sein Opfer hatte: Samuel Schmid, das Gegenteil eines Helden, unbeholfen in der Selbstdarstellung, stolpernd in der Affäre Nef, verfemt durch Blocher, politisch ohne Hausmacht – das perfekte Hassobjekt für die so plötzlich vaterlosen Laptoptäter.
Am Mittwochabend, 5. November, wurde Samuel Schmid mit einer Entzündung der Gallenblase ins Spital gebracht und am 7. November operiert.
Frank A. Meyer