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Der Jahresverdienst eines Neurochirurgen beträgt im Durchschnitt etwas mehr als 400000 Franken – pro Monat rund 35000 Franken.
Wer leistet mehr: der Neurochirurg oder der Banker? Wer kann mehr: der Neurochirurg oder der Banker? Wer trägt mehr Verantwortung: der Neurochirurg oder der Banker? Wer ist für die Gesellschaft von grösserem Wert: der Neurochirurg oder der Banker?
Der Jahresverdienst einer Krankenschwester beträgt im Durchschnitt etwas mehr als 80000 Franken – pro Monat rund 7000 Franken.
Wer leistet mehr, wer kann mehr, wer trägt mehr Verantwortung, wer ist für die Gesellschaft von grösserem Wert: die Krankenschwester oder der Banker?
Dieselben Fragen lassen sich stellen beim Bauingenieur mit 9000 Franken pro Monat oder beim Metallarbeiter mit 5000 Franken pro Monat.
Aber: Darf man so fragen? Darf man so vergleichen? Darf man so bewerten?
Es ist viel von Werten die Rede, wenn von Bankern die Rede ist. Alles heisse Luft! Die Boni-Wirtschaft wird weiter betrieben. Ohne Wimpernzucken.
Werte haben zu tun mit Ethik und Moral. Doch mit so etwas ist die abgekapselte Kaste der Finanzwirtschaft nicht mehr zu erreichen. Man kann ihr schlecht Unmoral vorwerfen: Das würde moralische Standards voraussetzen, gegen die verstossen werden könnte. Die Banker, die das globale Rad drehen, haben sich in ihrem Wirken längst jeglicher Moral entledigt. Sie bewegen sich im wertefreien Raum der Amoral, jenseits von Gut und Böse.
Darum ist es der Sache wohl dienlicher, statt von Werten von Bewertung zu sprechen. Das ist ein Begriff, den Banker kennen, ja sie müssten damit sogar trefflich umzugehen wissen, was ihre jüngste Vergangenheit allerdings nicht gerade beweist. Aber immerhin: Bewertung ist ein Begriff aus dem Lehrbuch des Geldgeschäfts.
Wie bewerten wir also nun Leistung, Können, Verantwortung und Nutzen für die
Gesellschaft? Mehr als eine Million Franken pro Monat für den Bankmanager, 35000 Franken pro Monat für den Neurochirurgen?
Von der Einkommensschere zwischen Armen und Reichen ist viel die Rede. Das ist auch berechtigt. Es handelt sich um einen moralischen Missstand.
Doch reden wir einmal – moralfrei für die Finanzwirtschaft – von der Einkommensschere zwischen Leistungsträgern und Erfolgsträgern, zwischen dem Neurochirurgen und dem Banker: Welcher Banker würde sich erdreisten, seine Leistung öffentlich 33-mal höher zu bewerten als die des Neurochirurgen? Oder gar 140-mal höher als die der Krankenschwester?
Das ist das Problem des entgleisten kapitalistischen Systems: Die Bewertung stimmt nicht mehr. Die Leistung, die einst zu den zentralen moralischen Standards des Kapitalismus zählte, ist dem Erfolg gewichen: Erfolg als höchster Wert, völlig unabhängig von Leistung.
Der Banker ist Erfolgsträger, die neue Leitfigur, ungebrochen trotz Finanzkrise. Der Neurochirurg ist lediglich Leistungsträger, unverzichtbar zwar, aber in der Bewertungsskala eben doch weit unter dem verzichtbaren Erfolgsträger.
Für diese Zerrüttung einer Gesellschaft gibt es nur ein einziges Wort: Dekadenz.
Publizist Frank A. Meyer.
- RDB/Sobli