Frank A. Meyer Irre!

  • Publiziert: 03.10.2011, Aktualisiert: 28.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Der Irrsinn der Finanzwelt ist sichtbar. Täglich an den Börsen dieser Welt. Der Irrsinn sitzt im Kopf der Händler, wie eine Studie der Uni St. Gallen zeigt.

Was für ein Bild! Drei Händler der Londoner Edelmetallbörse brüllend, aggressiv, infantil, die Gesichter entsetzt, empört, wutverzerrt – ausser Rand und Band. Sie machen ihr Geschäft: Börsengeschäft, Spekulantengeschäft. So geht es zu in der globalen Finanzwirtschaft: wie im Irrenhaus.

Zwar sitzen heute die meisten Trader am Computer. Ihr Irrsinn aber spielt sich im Kopf ab, wie eine eben veröffentlichte Studie der St. Galler Universität zutage gefördert hat. Untersucht wurde das Traderverhalten bei Schweizer Banken, Rohstoffhändlern und Hedgefonds. Die Autoren der Studie verglichen die Probanden mit Psychopathen in deutschen Hochsicherheits-Kliniken.

Resultat: Die Spekulanten entpuppten sich in einem Computerspiel als ebenso verhaltensgestört, rücksichtslos, egoistisch und unkooperativ wie die psychisch Kranken, die an Abnormitäten ihres Gemüts- und Gefühlslebens leiden – am Ende erwiesen sich die Geldmacher sogar als deutlich unkooperativer als die Psychiatrie-Patienten.

Ja, so steht es um die Welt, die gegenwärtig unsere Welt bestimmt: Krankhaft skrupellose Dealer betätigen die Hebel der globalen Finanzmacht – gegen Volkswirtschaften, gegen Gesellschaften, gegen die Armen und Ärmsten in aller Welt, gegen Kinder, die Hungers sterben, täglich, minütlich.

Bei der UBS hat Trader Kweku Adoboli am Computer mehr als zwei Milliarden Franken verzockt. Hätte er die gleiche Summe er- zockt, kein Mensch würde sich dafür interessieren, über welche Wege es ihm gelungen ist. Adoboli wäre ein Held.

Ja, so ist die Welt des grossen Geldes: irre.

Wissen die Adobolis in London, Frankfurt, Zürich und New York noch, was sie tun? Ihr Profil ist mit dem Begriff «Psychopath» präzis umschrieben. Die Knaben und Mädchen in den Profit-Pferchen der Börsen und in den Computer-Gehegen der Geldhäuser gehen einem Metier nach, das krank macht.

Denn Geld ist ihr Produkt. Doch Geld ist: nichts – nichts als die Behauptung und das Versprechen, so viel wert zu sein, wie draufsteht. Geld ist eine Fiktion.

Doch viel von nichts, also viel Geld, gilt als gut, gilt als grösster Wert der Finanzwelt. Und mehr Geld gilt als noch besser. Am besten ist am meisten Geld. Doch am meisten Geld lässt sich nicht messen, denn mehr als am meisten ist immer denkbar.

So produziert Geld die Gier – eine Krankheit.

Dem Un-Ding Geld stehen die konkreten Produkte und Dienstleistungen der Realwirtschaft gegenüber: zum Beispiel Maschinen der Industrie oder Medikamente der Forschung oder Menschenbildung der Schulen. Wer Patron oder Facharbeiter oder Lehrer ist in dieser konstruktiven Wirtschaft, der weiss am Abend, was er geleistet hat – er kann es berühren und besichtigen.

Die Adobolis dieser Welt haben nach Arbeitsschluss kein Resultat vorzuweisen, das sie berühren oder besichtigen könnten. Greifbar ist, was sie in den angesagten Bars der Londoner City tun, um ihre Lebens-Leere zu übertönen: saufen, huren, koksen.

Wer beruflich dergestalt heranwächst, dem fehlt schliesslich «das wache Gespür für die Regungen und Stimmungen in seiner gesellschaftlichen Umwelt», wie es Hermann Josef Abs, der legendäre Chef der Deutschen Bank, einst von den Akteuren seiner Branche forderte: «Jeder muss sich in seinen Entscheidungen konsequent von seiner Gesamtverantwortung gegenüber der Gesellschaft leiten lassen.» Sätze aus dem vergangenen Jahrhundert für die Adobolis und ihre geschniegelten Chefs, die Grübels und die Ermottis und die Ackermanns. Sätze in einer Sprache, die sie nie gelernt haben.

Wer der Gesellschaft dergestalt entwachsen ist, der kennt die Grenzen nicht mehr, die ebendiese Gesellschaft allem Tun setzt, selbst wenn es dafür keinen formalrechtlichen Rahmen gibt. Ethik, Moral, Verantwortung – was ist das schon gegen Tradermacht, Spekulantenmacht, Bankermacht? Petitessen sind das, weggeputzt von der Macht des Profits.

Ja, die Finanzwelt produziert Menschen jenseits von Gut und Böse: Alles geht, wenn es gut geht. Wie es für die Betroffenen ausgeht, in Griechenland oder in Deutschland oder in der Schweiz oder in den Hungergebieten Afrikas – alles einerlei. Ein Handeln, das von den Tätern nicht einmal als unmoralisch empfunden wird, denn Unmoral erkennen kann nur, wer Moral kennt.

Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, heute das Gewissen seiner Nation, erklärte jüngst: «Ich teile die Menschheit gern in drei Kategorien ein –die erste Kategorie, das sind die normalen Menschen. Wir alle haben sicher als Jungs mal Äpfel geklaut, aber dann sind wir doch anständige Menschen geworden (…) Die zweite Kategorie, das sind die mit einer kriminellen Ader. Die gehören vor Gericht (…) Und die dritte Kategorie sind Investmentbanker und Fondsmanager.»

Lausbuben, Kriminelle, Finanzmanager – welch eine Steigerung!

SonntagsBlick Standpunkte:

Wo steht die Schweiz in dieser Welt?
Frank A. Meyer diskutiert mit dem Schweizer Historiker Prof. Thomas Maissen (Uni Heidelberg), Ex-Bundesratssprecher Oswald Sigg, EU-Botschafter Michael Reiterer und Daniel Binswanger, Redaktor «Das Magazin»: Siehe Video im Artikel.

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