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Jean Ziegler, Soziologieprofessor aus Genf und 28 Jahre lang Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, hat ein neues Buch veröffentlicht: «Der Hass auf den Westen.» Es handelt von der Finanzkrise und von ihren Folgen für die Armen der Dritten Welt.
Das Werk ist geprägt von der moralischen Empörung, die den linken Bankenkritiker stets beseelt, wenn er sich für die Erniedrigten und Beleidigten einsetzt – dieses Engagement ist sein Lebensthema.
Jean Ziegler geht es diesmal also um den Hass, dem er bei den leidenden Menschen der Dritten Welt begegnet ist. Er identifiziert sich mit diesem Hass. Es ist auch sein Hass.
Im BLICK vom Samstag rechtfertigt Jean Ziegler diesen Hass als politische Notwendigkeit: «Ich rede vom vernünftigen Hass auf die Politik und die Institutionen der Unterdrücker.» Er zitiert den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre: «Wer die Menschen lieben will, muss sehr stark hassen, was sie unterdrückt.» Ziegler präzisiert: «Also ‹was› sie unterdrückt, nicht ‹wer› sie unterdrückt.»
In dieser Unterscheidung wird das schlechte Gewissen des zum Katholizismus konvertierten Protestanten spürbar: Hass gegen Menschen möchte Ziegler nicht unterstützen, schon gar nicht predigen; Hass soll sich nur gegen Dinge und Sachen richten!
Ist das möglich? Oder nur ein frommer Wunsch?
Wie steht es mit den Menschen in der Dritten Welt, die dem Hass anheimfallen oder dazu angestachelt werden? Hassen sie gezielt ausschliesslich unsere westliche Zivilisation, also die Sache?
Hass braucht die Gehassten. Hass sucht nach Schuldigen. Hass findet sie. Immer! Schuldige aber sind Menschen.
Jean Ziegler betrachtet sich als Aufklärer. Doch Hass verhindert Aufklärung: Weil die Emotion den klaren analytischen Blick trübt – wie übrigens auch die ins Pathetische gesteigerte Menschenliebe, die der Savonarola aus der Westschweiz wie eine Monstranz vor sich herträgt.
In der Dritten Welt ist der Hass auf den Westen ein probates Mittel von Diktatoren und Despoten, mit dem sie ihre arm gehaltenen Untertanen davon ablenken, im eigenen Land für Reformen zu kämpfen – und ihre Herrscher zu stürzen.
Besonders in der islamischen Dritten Welt verhindert der Hass auf den Westen den klaren Blick auf die tatsächlichen Gründe von Elend und Ohnmacht: auf die Religion, die den Einzelnen in Unmündigkeit hält, wie einst bei uns die katholische Kirche. Der nach aussen gerichtete Hass verstellt nicht zuletzt den Blick auf die religiös begründete Rechtlosigkeit der Frauen.
Hass ist kein Instrument aufklärerischen Denkens, und schon gar nicht marxistisch. Marx analysierte kalt – ganz anders als der Marxist Ziegler – und erzielte damit eine Wirkung, die bis heute anhält, gegenwärtig sogar eine gewisse Renaissance erfährt.
Selbstverständlich sollten wohlhabende Westler den Ärmsten der Dritten Welt nicht ihre Gefühlslage vorschreiben. Doch das Buch eines gebildeten Westlers darf nicht Hass zelebrieren, schon gar nicht westlichen Selbsthass. Es muss die Instrumente liefern zur kühlen Analyse der wirklichen Probleme, die sowohl im Westen wie in der Dritten Welt selbst ihren Ursprung haben.
Jean-Paul Sartre mag den Hass philosophisch rechtfertigen. Es gilt immer noch, was jeder weiss: Hass macht blind.
Publizist Frank A. Meyer.
- RDB/Sobli