Zum Schluss Grimmiges Zürich, entspanntes Berlin

  • Publiziert: 26.12.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, seit einem Jahr leben Sie nun in Berlin. Wie sehen Sie heute die Schweiz?
Der Blick auf meine Heimat ist tatsächlich ein anderer geworden. Ich sehe sie jetzt mit Touristen-Blick.

Das heisst?
Ich erlebe die Schönheiten der Schweiz noch einmal neu, wie ein Erwachsener mit Kinderblick: das Blau des Himmels über Zürich, die klare Kontur der nahen Berge, die sanften Hügel am Zürichsee-Ufer, aber auch die Putzigkeit der Zürcher Altstadt. Überhaupt das Heile der Schweizer Welt, nicht zuletzt in Bern und meiner Heimatstadt Biel.

Und wie sehen Sie uns, die Schweizerinnen und Schweizer?
Mir fällt die Geschäftigkeit auf – viel stärker als früher. Die Dringlichkeit und die Zielstrebigkeit und die Eile in den Strassen, das Drängeln und Hupen der Autos. Manchmal habe ich das Gefühl, die vielen grimmigen Gesichter, die mir begegnen, passen so gar nicht zu diesen leichten und heiteren Stadt-Landschaften.

Sie finden die Schweizer grimmig?
Wenn ich mich selbst auf früheren Bildern sehe, dann blicke ich doch auch oft grimmig. Heute fällt mir das Abweisende an anderen auf. Ich bin aber nicht sicher, ob ich jetzt plötzlich heiter-beschwingt durch Zürich flaniere oder ob ich gleich wieder mein Schweiz-Gesicht mache.

Wie ist denn Ihr Berlin-Gesicht?
Mein neuer Freundeskreis hält mich für einen untypischen Schweizer.

Ach ja. Warum?
Ich hätte, sagen manche, das fröhliche Temperament eines Süditalieners.

Ist nicht wahr?!
Berlin entspannt mich. Schon wenn beim Landeanflug auf Tegel die Seen aufblitzen, wird mir wohlig zumute: Ich komme nach Hause.

Wie kann eine Millionen-Metropole Wohlbefinden auslösen?
Durch das Unperfekte. Diese gewaltige Stadt ist vielfach gebrochen; Schönheit und Hässlichkeit wechseln sich ständig ab, fast in jeder Häuser-Zeile. Berlin ist die Geschichtswelt, die mich schon immer faszinierte. Ich durchwandere die preussische Zeit, die wilhelminische Zeit, die Zeit der Weimarer Demokratie ...

...und die Nazi-Zeit.
Sie haben recht. Ich stosse auf die schrecklichen Spuren der Gewaltherrschaft, auf deren Architekturzeugnisse, aber auch auf zahllose Gedenktafeln, Gedenksteine, Gedenkstätten; dann die Spuren des Kalten Krieges, der eingeschlossenen Stadt und der düsteren DDR – und plötzlich schiesst das neue Berlin aus dem Boden: verrückte Architektur, nicht alles gelungen, aber alles spannend.

Und die Menschen? Die Berlinerinnen und Berliner?
Ich erlebe sie als ruppig und direkt und offen und redegewandt: die berühmte Berliner Schnauze eben. Die Stadt ist voller Leben – vor allem politisch und kulturell – und trotzdem nicht hektisch. Im Vergleich zu Zürich wirkt Berlin geradezu entschleunigt. Diese Stadt nimmt die Menschen auf. Darum strömen so viele hierher. Wie ich.

Sie lieben Berlin!
Ja. Berlin ist wie eine Frau: Man darf sie nicht langweilen.

Ihre Meinung interessiert uns: Sind Schweizer wirklich grimmig und gestresst? Oder wirken sie nur so? Diskutieren Sie mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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