Frank A. Meyer Gnade und Ungnade

  • Publiziert: 07.03.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

Der Papst rehabilitiert die abtrünnige Priesterbruderschaft Pius X., gegründet von Bischof Marcel Lefebvre 1970 im Wallis. Der Pontifex maximus holt damit Sendboten des schwärzesten Katholizismus in den Schoss der Kirche zurück: erklärte Gegner der Menschenrechte, der Gleichstellung der Frau, der Demokratie, des Liberalismus, der Religionsfreiheit – der Freiheit ganz grundsätzlich. Die Priesterbruderschaft Pius X. bekennt sich auch zur religiös motivierten Judenfeindlichkeit.

Der weltliche Begriff für die Gesellschaftsordnung, wie sie der Priesterbruderschaft Pius X. vorschwebt, heisst: Klerikalfaschismus.

Hätte eine politische Partei ein solches Programm, müsste der Verfassungsschutz aktiv werden, ja, sie wäre wohl fällig für ein Verbot.

Benedikt XVI. hat die Exkommunikation der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft Pius X. aufgehoben. Einer der vier, Richard Williamson, ist Holocaust-Leugner, teilt also die Überzeugung zahlreicher Neonazis.

Richard Williamson darf sich jetzt wieder geborgen fühlen in der sakramentalen Gnade der katholischen Kirche.

Diese Woche hat die katholische Kirche in Brasilien eine Mutter und zwei Ärzte exkommuniziert. Ihre Schuld in den Augen von Bischof José Cardoso Sobrinho: Sie waren beteiligt am Schwangerschaftsabbruch bei einem neunjährigen Mädchen. Es war von seinem Stiefvater vergewaltigt worden. Es erwartete Zwillinge. Die Ärzte diagnostizierten Lebensgefahr für das geschändete Kind.

Um in der sakramentalen Gnade der katholischen Kirche bleiben zu dürfen, hätten die Mutter und die zwei Ärzte die Kleine ihrem schrecklichen Schicksal überlassen müssen: geschändet, geschwängert, womöglich gestorben.

So ist real existierender Katholizismus unter Benedikt XVI.: barmherzig gegenüber Holocaust-Leugnern und Klerikalfaschisten – unbarmherzig gegenüber Barmherzigen.

Es sage niemand, die Aufhebung der Exkommunikation für die Priesterbruderschaft Pius X. habe nichts zu tun mit der Exkommunikation der Mutter und der zwei Ärzte im fernen Brasilien. An Ostern wird der Herrscher auf dem Stuhl Petri wieder seinen Segen «urbi et orbi» erteilen, für «die Stadt (Rom) und den Erdkreis». Die katholische Welt ist eine einzige Welt – eins und unteilbar.

Teilbar ist ihre Barmherzigkeit.

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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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