Frank A. Meyer Die Sprache in Zeiten von Trump

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Frank A. Meyer

Antje Berghäuser

Was ist die Sprache? Die Sprache ist der Mensch. Und der Mensch ist Sprache. Woraus sich ergibt, dass auch der Poli­tiker Sprache ist. Dieser nicht unbedeutenden Banalität verlieh gestern die Politikerin Petra Gössi auf bemerkenswerte Weise Ausdruck.

Was ist vorgefallen? Die Parteipräsidentin des Schweizer Freisinns attackierte die Schweizer Christdemokraten, weil diese die Zuwanderungsinitiative anders umsetzen möchten als die FDP. Petra Gössi kleidete ihren Unmut in die Worte: «Das ist eine Verarschung des Souveräns!»

Da es hier nicht um die Sache geht, sondern um die Sprache, ist dem geneigten Leser sofort klar, welches Wort in Gössis Satz Anlass zu Erörterungen gibt. Darum sei es fortan nicht ein weiteres Mal erwähnt – wobei allerdings zu erwähnen wäre, dass das Wort ohnehin nicht erwähnbar ist, wenn man als Sprecher oder Schreiber etwas auf sich hält.

Petra Gössi aber hat das Wort mit unverhohlener Lust hinausposaunt. Hält sie nichts auf sich? Nun, die Schwyzerin gibt sich gerne burschikos. Sie wirkt unbekümmert, frohgemut, fröhlich gar, irgendwie so, als käme sie gerade von der Rutschbahn, der Schaukel oder dem Klettergestänge auf dem Spielplatz.

Dagegen ist nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, Frische steht der freisinnigen Politik, deren Richtung mit «frischwärts» zu umschreiben, kaum als unpräzise bekrittelt werden kann. Ist also der Satz, den Petra Gössi der CVP entgegenschleuderte, ein erfrischender Satz? Ist der Begriff, den zu verwenden jedem sprachsensibel programmierten Algorithmus widerstrebt, Ausdruck jugendlicher Frische?

So wie die FDP-Vorsitzende sich auszudrücken beliebte, flucht der Autofahrer im faradayschen Käfig seines Wagens, wenn im Verkehr vorn und hinten und rechts und links alle alles falsch machen, also niemand ordentlich fährt – ausser dem Fluchenden natürlich.

Für Petra Gössi fährt die CVP falsch. Da­rum flucht sie. Hörbar für alle. Sie hält dies ... Ja, wofür hält sie dies? Auf jeden Fall für angebracht. Und weshalb für angebracht? Weil die Politik heute, in Zeiten von Donald Trump, dem Volk nach dem Maul reden muss?

Da der Politiker die Sprache ist, die er spricht, darf Petra Gössi unterstellt werden, dass es ihr auf jedes Wort ankommt. Wenn sie sich ostentativ eines Unwortes bedient, wird sie wissen, was sie damit bezweckt: Wirkung.

So gesehen ist der Satz mit dem unsäglichen Wort in der Tat gelungen. Er hat es damit bis in diese Kolumne gebracht – eine Überhöhung, die ihr gegönnt sei.

Doch die Aussagekraft der Gössi-Sprache geht über diese Pointe hinaus. So wird nun einmal geredet, nicht nur in digitalen Netzwerken, wo der Sprachmüll entsorgt wird, nein, auch von einer Frau, die eine Regierungspartei repräsentieren möchte: mit dem gebotenen Stil, müsste man meinen.

Gössi aber gibt die Göre.

Und es passt!

Es passt zu einer Partei, die mit ihrer kultivierten Geschichte abgeschlossen hat – der Geschichte einer politischen Bewegung des Bildungsbürgertums, in deren Bundeshaus-Fraktion einst geistreiche Köpfe und Intellektuelle wie Rhinow, Tschopp, Petitpierre, Schoch, Pidoux, Generali, Salvioni, Barchi, Couchepin, Steinegger, Nabholz, Bremi oder Loeb politisierten, was hiess: mit feinster Klinge argumentieren, die Wurzeln tief im fruchtbaren Boden freisinniger Vergangenheit.

Das ist vorbei. Die Präsidentin der Partei, die für die Schweiz die politische Kultur der Freiheit eroberte und hegte, ist Unternehmensberaterin.

Ist dies ein Einwand gegen jenen Beruf? Gott bewahre! Es ist der Beruf dieser Zeit. Er kommt aus dem Nichts. Er führt bisweilen – allzu oft, wie böse Buben behaupten – auch die Beratenen ins Nichts. Aber er ist ehrbar. Und ganz dem Jetzt gewidmet.

Das Jetzt aber ist keine Zeit gepflegter Sprache. Es ist die Zeit von Gegröle aus Populistenkehlen. Und das Gegröle ist erfolgreich, wie Wahlen überall zeigen. Wer möchte sich dem verschliessen?

Petra Gössi hat aus dem Gegröle ein Wort aufgeschnappt und daraus einen ganzen Satz gezimmert. Bringt er Erfolg – in Trump-Zeiten?

Die Bieler, französisch «les Biennois», sprachoriginelle, weil zweisprachige Städter, halten ein Wörtchen bereit für solche Fälle – für alle Fälle: «trumpieren».

Es ist die Mundart-Übersetzung von «se tromper» – sich täuschen.

Publiziert am 04.12.2016 | Aktualisiert am 04.12.2016
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12 Kommentare
  • Michael  Tomov aus Koror
    04.12.2016
    Und über allem steht natürlich FAM, wie schon immer. Aber, lieber FAM (jaja, wir kennen uns persönlich, aus den Zeiten um die Jahrtausendwende), wer ist eigentlich für wen da? Das Volk für die Politiker oder umgekehrt von wegen dem Volk nach dem Maul reden. Soweit ich im Jurastudium gelernt habe, bezahlt das Volk die Politiker, um seine Interessen geltend zu machen. Damit wären wohl die Dinge klar. Es sind unsere Angestellten und sie haben zu parieren.
  • Peter  Beutler aus Beatenberg
    04.12.2016
    Treffender Beitrag. Nun ja, das sag ich, weil Frau Gössi im Grunde recht hat. Das sag ich, weil sich ein_e Politiker_in niemals an Trumps ordinäre, primitive Sprache anlehnen sollte. Schon nur deshalb nicht, weil sie ihm punkto Gemein-, Hinterhältig- und Widerlichkeit niemals die Stirn bieten kann.
  • Wil  Vonier , via Facebook 04.12.2016
    So genau nimmt FAM offensichtlich nicht,was Gössi genau gesagt hat. Ist sowenig wichtig, wie die Aussage "die Sprache in Zeiten von Trump" .
  • Dracomir  Pires aus Bern
    04.12.2016
    Als ehemaliger Bieler muss ich FAM widersprechen: Biel ist nicht zweisprachig, sondern es leben dort Deutsch- und Welschschweizer nebeneinander. Auch dass sich Trump trumpiert, ist falsch, denn schliesslich haben ihn die weissen Männer und sogar die weissen Frauen gewählt. Was FAM aber erkannt hat, ist: Das Volk hat die Schnauzen voll, von den Politikern übergangen zu werden. Deshalb der Rechtsrutsch in der Schweiz, auf den Philippinen, in den USA, Ungarn, Oesterreich, Frankreich ...
  • Arthur  Furter 04.12.2016
    Chapeau, Herr Meyer. Kommunikation war schon immer Grundlage für Missverständnisse. Verbinde mir nun die Augen und halte meine Ohren zu, um klar zu sehen und hören.