Frank A. Meyer Die fatalste Folge

  play

 

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Frank A. Meyer Law and Order
2 Frank A. Meyer Der Täter als Opfer

Politik

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
22 Kommentare
Fehler
Melden

Haben alle alles gesagt? Es macht den Anschein. Doch wie es so ist am Familientisch: Die Fenster werden nicht aufgerissen, die Runde erhebt sich nicht von den Stühlen. Es wird weiter geschwatzt, bis in die frühen Morgenstunden, diesmal wohl bis in die späten Abendstunden, geht doch gerade die Sonne unter – oder die Welt.

Donald Trump ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Für die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) wird dadurch «die liberale Weltordnung erschüttert». Für die deutsche Tageszeitung «Die Welt» ist ab sofort «alles möglich», auch das Schlimmste. Und der «Zeit» bleibt der gewohnte Redeschwall im Halse stecken: «Oh my God!», lautet der Titel, mit dem das Hamburger Blatt seine Verzweiflung zum Ausdruck bringt. Der «Spiegel» endlich, das Magazin für die letzten Wahrheiten, plakatiert seine jüngste Ausgabe mit der Zeile: «Das Ende der Welt».

Hilft also nur noch beten?

Zuflucht zum Gebet nahm die zivilisierte Welt schon einmal: 1980, als die Wähler Ronald Reagan zum Präsidenten der USA erkoren. Der Atomkoffer der Weltmacht im Griff eines B-Film-Helden, der in drittklassigen Western mit Platzpat­ronen um sich schoss – und so was mitten im Kalten Krieg. Oh my God!

Ronald Reagan hat dann die Abwicklung der Sowjetunion eingeleitet, gemeinsam mit Michail Gorbatschow. Ende gut, alles gut?

Ganz so dann auch wieder nicht: Die Reagan-Ära blieb erfüllt von Aufregung und Empörung über den bildungsfernen mächtigsten Mann der Welt, der die neoliberale Globalisierung lostrat, als er dem Marktschreier Milton Friedman sein Ohr lieh. Das wirtschaftliche Debakel, das dem Schoss der marktradikalen Religion entkroch, hat dieser Präsident nicht mehr erlebt: die Weltfinanzkrise von 2008.

Alles war möglich zu Reagans Amtszeit zwischen 1981 und 1989. Auch das Schlimmste. Doch die westliche Welt ging nicht unter.

Trump wie Reagan? Aller Alarm nichts als Fehlalarm?

Ganz so dann auch wieder nicht: Zu Befürchtungen besteht Anlass. Niemand weiss, was Trump tatsächlich tun wird. Womöglich nicht einmal Trump selbst. Doch Irritationen ruft nicht allein das Irrlicht hervor, das demnächst im Oval Office residiert.

Der Zürcher «Tages-Anzeiger» interviewte am Mittwoch Jason Brennan, einen amerikanischen Philosophen, dem zur Trump-Wahl folgende Sentenz einfiel: «Viele halten Volksherrschaft für etwas Heiliges. Das ist schade, denn das Ergebnis ist nicht immer gut. Demo­kratie ist überschätzt – und selber autoritär.»

Demokratie – autoritär? Ja, weil die Mehrheit entscheidet: das Volk, das «Kollektiv», dem Brennan geistig wenig zutraut, weshalb wir, wie er fordert, «dringend Alternativen in Betracht ziehen sollten».

Und wie lautet Brennans Alternative zur Volksherrschaft? Der Philosoph plädiert für eine «Epistokratie», soll heissen: Herrschaft der Philo­sophen. Die nähme dann folgende Gestalt an: «In der Epistokratie würden die Bürger auch entmachtet, aber immerhin wäre das Kollektiv besser.»

Vom Kollektiv des Volkes zum Kollektiv der Brennans.

Die Wahl Trumps gerät zum Anlass, die Überwindung der Demokratie zu propagieren. Demokratieverächter Brennan kommt den Demokratiefeinden, die ihr Zerstörungswerk seit langem betreiben, gerade recht.

Zum Beispiel den Google-Gottheiten im Silicon Valley. Sie arbeiten emsig daran, das demokratische Entscheidungs­system durch Algorithmen überflüssig zu machen. Zum Beispiel den Marktradikalen. Sie haben die Idee noch nicht aufgegeben, demokratische Meinungsfindung an den Markt abzutreten, das heisst, dessen unsichtbarer, weil gottgleicher Hand zu überlassen.

Das störrische Volk soll, nein, muss endlich erkennen: Unter der segensreichen Herrschaft von Philosophen wäre eine Wahl wie die vom 8. November schlicht undenkbar. Auch Algorithmen oder Markt hätten klüger entschieden.

Wie gut ist Demokratie, wenn der US-Präsident schlecht ist? Die Frage allein stellt die Demokratie in Frage.

Wenn demnächst am Beispiel Trump in Talkshows über Gesellschaftsmodelle jenseits der westlichen Wertewelt dis­kutiert wird, dann trifft ein, was die Feinde der westlichen Volksherrschaft seit langem ersehnen: Die Demokratie wird zur Geschmacksfrage.

Die fatalste Folge einer schlechten Wahl.

Publiziert am 13.11.2016 | Aktualisiert am 13.11.2016
teilen
teilen
0 shares
22 Kommentare
Fehler
Melden

22 Kommentare
  • Alexandra  Weber aus Kloten
    14.11.2016
    Die Schlechtmacherei eines Menschen ist eklig, dumm und dämlich und geht einem auf den Wecker. Lasst Trump erst mal ans Ruder - lasst ihm endlich mal die 100 Tage und wenn wir dann noch leben, dann ist es allemal besser als die Berner-Bärchen die Jahrelang im Tiefschlaf sind. TRUMP ist TRUMPF und wird der beste USA-Chef aller Zeiten und tut der ganzen Welt einfach nur gut!
    ewz
  • Harald  Beutler 14.11.2016
    Selbstverständlich möchte Brennan das Volk entmachten (das nicht nach seinem Gusto entscheidet). Denn er spürt (vielleicht auch nur instinktiv), dass genau diese seine Einstellung, die er so hochgestochen von sich gibt, und sein darunter liegendes Welt-/Menschenbild (die dumben Proletarier) der Grund für die Wahl eines Trump ist. Ist er aber so gescheit um zu merken, dass eine Verstärkung seiner Anstrengungen zu einer eben solchen Verstärkung des Antipols führen könnte?
  • Franz  Méllet , via Facebook 14.11.2016
    In Einem hat natürlich F.A.Meyer recht. Wenn jetzt der unberechenbare Trump sich militärisch aus Europa zurückziehen wird, entsteht ein hochgefährliches Vakuum, das nicht schnell geschlossen werden kann. Und genau da ist Meyers Punkt: Es kann nicht sein dass das CH-er Fussvolk in militärisch- komplexen Themen (wo nur ein paar Eingeweihte die Materie kennen!) demokrat. abstimmt, welche Waffensysteme oder Flugzeuge angeschafft werden. Bitte jetzt aufrüsten, - ohne Demokratie !
  • Peter  Inder Schroten 13.11.2016
    @Gurtner: Wofür sind Sie denn besonders dankbar? Die Iran-Contra-Affäre? Die Kirkpatrick-Doktrin? Die Reagan-Doktrin? Für die Besetzung Grenadas? Für We begin bombing in five minutes?? Ganz zu schweigen von der verheerenden Wirtschaftspolitik mit massivem Anstieg der Staatsverschuldung?? Mir scheint Sie haben von der Präsidentschaft Reagans überhaupt keine Ahnung.
  • Boris  Kerzenmacher 13.11.2016
    Wenn man seinen Frust über den Ausgang der demokratischen Wahl zeigen möchte, dann sollte man die Kritik an die richtige Adresse richten.
    In diesem Fall ist es die Parteizentrale der Demokratischen Partei.

    430 South Capitol Street SE
    Washington, D.C.

    Denn dort hat man B. Sanders demontiert und dort dachte man H. Clinton sei eine tolle Kandidatin, die leichtes Spiel mit D. Trump haben wird.