Frank A. Meyer Der Kniefall

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Frank A. Meyer

Antje Berghäuser

Auf Seite eins des «Tages-Anzeigers» prangt er als Christkind, das der Zürcher Gemeinde Meilen Millionen verspricht, gerade rechtzeitig zu Weihnachten.

Der Name des Engels, karikiert im Hemdchen mit Flügelchen: Roberto Martullo, angeheiratetes Familienmitglied derer von Ems und Herrliberg, besser bekannt als die Blochers, Gatte von Magdalena, Nationalrätin der SVP, vielfache Millionärin von Haus aus, die man im Übrigen und ohne ihr nahezutreten als perfekte Fortentwicklung des Familienpatriarchen bezeichnen darf.

Solch präzisierende Ausführungen sind notwendig, um sowohl zu referieren wie auch zu reflektieren, was sich vergangenen Montag am rechten Ufer des Zürichsees Bemerkenswertes begab. Es sei kurz erzählt:

Die Gemeindeversammlung von Meilen schickte sich eben an, eine Steuererhöhung zu beschliessen. Die Mehrheit durch Zustimmung der Parteien, worunter auch die SVP, schien sicher. Da intervenierte Roberto Martullo, erklärte die Steuererhöhung für überflüssig, weil nämlich er höchstselbst 6,4 Millionen Steuern nachzahlen werde.

Um der frohen Kunde vom Geld-Segen aus heiterem Himmel gefälligen Ausdruck – und Nachdruck – zu verleihen, fuchtelte er, ganz irdisch, mit seiner Brieftasche und rief in die Runde: «Halten Sie Ihr Portemonnaie fest, sonst wird Ihnen alles aus dem Sack gezogen.» Die Steuererhöhung scheiterte.

So wars. Wars das?

Abgesehen davon, dass die Bescherung von mehr als sechs Millionen mittlerweile auf weniger als eine geschrumpft ist, besteht dringender Klärungsbedarf. Was ist da wirklich geschehen?

Ein reicher Protz prunkt mit seiner pekuniären Potenz – und die Gemeindemitglieder lassen ihr Vorhaben fallen.

Ein feudaler Vorgang: Geldadel bestimmt die Geschicke der Gemeinde – und die Gemeinde verdankts mit dem Verzicht auf eine Steuererhöhung, die den Prahlhans mehr gekostet hätte als die Nachzahlung, von der niemand so recht weiss, wie hoch sie ausfallen wird.

Auch ein vulgärer Vorgang: Geldadel trumpft auf, denn man hats, also hat man keine Manieren. Und wer’s hat im Übermass, der muss kein Mass anlegen ans eigene Benehmen, schliesslich kauft man, was zu kaufen ist, auch Macht und Einfluss, zum Beispiel durch den Erwerb von Par­teien oder Presseerzeugnissen mitsamt Schriftleitern.

Es ist ein gar fröhlich’ Schalten und Walten in den dynastischen Gefilden der Geldmächtigen. Ganz wie einst in der Feudalgesellschaft, die sich ihren Gemeinden gerade vor Weihnachten barmherzig-spendabel zu zeigen pflegte:

Die Herrschaft verteilte eigenhändig Almosen unter die Leibeigenen.

Und die Beschenkten machten artig ihren Knicks.

Freilich, dieses Bild ist altmodisch, entstammt vergangenen Jahrhunderten. Heute nennt sich das patriarchalische Brauchtum im neoliberalen Neusprech «trickle down effect» und besagt, dass vom Tisch der Reichen immer etwas abfällt für die Bedürftigen zu Füssen der Tafelrunde.

In Meilen fällt vom Martullo-Reichtum durchaus etwas ab für die darbende Gemeindekasse. Selbstherrlich hat sich der Herr der Gemeinde von der Steuererhöhung befreit.

Und die Gemeinde macht artig ihren Knicks.

Zum Feudalsystem klassischer Prägung zählte stets der Klerus, der seinen Gläubigen predigte, dass es gottgefällig sei, in der Zucht der weltlichen Herrschaft zu leben.

Auch die «Refeudalisierung», wie der Philosoph Jürgen Habermas die Herrschaft des Reichtums nennt, muss nicht auf ihre Pfaffen verzichten. Die nennen sich nur anders: Ökonomen. Doch sie predigen dasselbe wie einst ihre Vorläufer, die Kirchenmänner: Unterwerfung unter die «Unsichtbare Hand des Marktes», diesen lieben Gott unserer Tage, und damit Unterwerfung unter die irdischen Herren des Marktes, von deren reich gedecktem Abendmahlstisch Überflüssiges abfällt für das gemeine Volk.

Ja, so geht die Lehre der Propheten aus Amerika, Milton Friedman und Friedrich August von Hayek, Letzterer ein Lästerer und Verächter der Demokratie.

Es darf mit Fug festgestellt werden, dass vergangenen Montag am Zürichsee auch in dieser Hinsicht nahezu perfekt der neuen Religion gehuldigt wurde, gab doch der marktradikale Ökonom Reiner Eichenberger, einer der strengsten und eifrigsten Obskurantisten, als Mitbürger der Meilemer Messe seinen Segen.

Hier hat sich jetzt allerdings ein unpassender Begriff in die letzten Zeilen dieser Kolumne verirrt: Mitbürger.

Bürger fallen vor keinem Herrn auf die Knie.

Publiziert am 11.12.2016 | Aktualisiert am 11.12.2016
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35 Kommentare
  • Bernhard  Bieri 12.12.2016
    Es ist schon etwas überheblich von FAM, Meilen des Leibeigenenstatus zu bezichtigen und die Bewohner als Almosenempfänger zu bezeichnen. Insgeheim wünscht sich ja jede Gemeinde einen finanziell potenten Mitbürger, welcher in der Lage ist, die pekuniären Verhältnisse etwas zu verbessern. Es gibt Gemeinden und Kantone, die sich bis an den Rand der Illegalität bewegen, um sich einen dicken Fisch zu angeln. d.h.: Meilen ist nicht feudalherrschaftlich sondern typisch schweizerisch geprägt.
  • Roland  Benz , via Facebook 12.12.2016
    Der Vergleich zwischen Pfaffen und Ökonomen leuchtet ein. Beide predigen einen fiktiven, nicht existenten Planer. Die "unsichtbare Hand des Marktes" auf der einen, der "Allmächtige" auf der anderen. Adam Smith meinte mit unsichtbare Hand den Egoismus des Menschen, welcher automatisch eine optimale Allokation der Ressourcen erzwingt. (Optimalität nicht in Bezug auf Gerechtigkeit.) Bezüglich Meilen fragt sich, wer alles egoistisch gehandelt hat und ob die Ressourcen nun optimal verteilt sind.
  • Reto  Leutenegger 12.12.2016
    @Edi Rey: Die Arbeitnehmer (inkl ich) werden (in der Schweiz grosszügiger als in jedem anderen Land auf der Welt) durch ihren Lohn entschädigt. Wenn eine Firma Gewinn erzielt, so ist das nach Steuern und Abschreibungen der Ertrag für das Risiko und eingebrachte Kapital! Zudem: die "Besserverdienenden" zahlen nicht den gleichen Anteil an Steuern sondern einen VIEL HÖHEREN!!!
    FAM wird seinen Neid und Blocher-Komplex wohl nie los aber er sollte wissen: Wählerstimmen lassen sich nich kaufen!
  • Roland  Egger 12.12.2016
    Sie belieben zu scherzen, Herr Meyer, wenn Sie das einen Kniefall nennen. Kniefälle, welche diesen Namen verdienen, finden nicht in Meilen, sondern in Bern statt. Zum Beispiel Kniefälle der Mehrheit unseres nationalen Parlamentes und unserer Bundesregierung vor der EU, welche unsere Demokratie, unsere Volksentscheide und unsere Verfassung aushebeln und brechen. Und jene, welche auf die Knie fallen, wundern sich auch noch, wenn sich viele Stimmbürger als verraten und dumm verkauft fühlen!
  • Arthur  Furter 11.12.2016
    Ein weiterer Abschnitt in der sogenannten Postdemokratie. FAM umschreibt präzise und lange was in dem einen Wort inbegriffen ist. Klar ist, dass diese Entwicklungen ein allgemein ungutes Ende nehmen werden.