Frank A. Meyer Ein weisser Schimmel

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Frank A. Meyer: Ein weisser Schimmel play

Frank A. Meyer

Antje Berghäuser

Für den Zürcher «Tages-Anzeiger» geht es um den «Umbau» der türkischen Demokratie zu ­einem Präsidialsystem. Für die deutsche Tageszeitung «Die Welt» steuert Staatschef Recep Tayyip Erdogan «sein Land in die Diktatur».

Was denn nun?

Christian Levrat, Freiburger Ständerat und Präsident der Sozialdemokraten, hat die türkische Wirklichkeit erlebt. Er wollte sich in Ankara mit einem Kolumnisten der verbotenen Zeitung «Cumhuriyet» treffen. «Am Tag vor dem geplanten Gespräch wurde er festgenommen», weiss Levrat zu berichten.

Der «Spiegel» aus Hamburg bringt das Geschehen auf die Kurz­formel: «Festnehmen, absetzen, mundtot machen.» Das Magazin hätte «foltern» hinzufügen dürfen.

Das Entsetzen in Europas Hauptstädten ist gross. Die Diktatur ­Türkei hatte man nicht erwartet.

Ebenso gross ist die Überraschung, wird doch Erdogan von der EU seit Jahren verhätschelt: mit Beitrittsverhandlungen, mit privilegierter Partnerschaft, mit der Aussicht auf Visafreiheit für türkische Bürger, mit Milliarden für Merkels Flüchtlingsabkommen.

Und jetzt das!

Aber genau das war vorauszusehen, denn Erdogan hat sein heutiges Handeln angekündigt, und zwar mit dem Bekenntnis: «Die Demokratie ist nur ein Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.»

Erdogan ist am Ziel. Er steigt gerade aus dem Demokratie-Zug.

Er tut es völlig ungeniert und ungerührt, denn Demokratie ist ihm ebenso egal wie ­Europa. Der Diktator verfolgt seit je seine ­eigene Agenda: die Errichtung einer Herrschaft des Islam über die Türkei.

Dazu musste er den einzigen leidlich funk­tionierenden säkularen Staat mit islamischen Wurzeln rückabwickeln: die Türkei von Mustafa Kemal Atatürk (1881–1938), dem Begründer der modernen, weil reli­gionsfernen Republik – zeitweise sogar Demokratie – am Bosporus.

Nun wird der Islam wieder ermächtigt – Erdogans persönlicher Traum. Die politische Vision des Diktators ist allerdings mehr als ein Traum. Der Putsch des «Sultans» bedeutet die Erfüllung des islamischen Auftrags, ist doch seit Mohammeds Tagen in Medina etwas anderes gar nicht denkbar: Der Islam hat zu herrschen, wo ­immer er dazu in der Lage ist – auch wenn man für die Fahrt ans Ziel vorübergehend in den Zug der Demokratie steigen muss.

Herrschaft ist nun mal unverzichtbar als geschichtliche Sendung des Islam, seit mehr als anderthalb Jahrtausenden, ohne Rücksicht auf die Zeitläufte.

Im Koran, dem Buch, das Allah seinem Propheten Mohammed persönlich diktierte, hält Sure 3:110 den Auftrag fest: «Ihr (Gläubigen, also Muslime) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist. Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Allah.»

Sure 30:30 verschafft diesem absoluten und globalen Anspruch Nachdruck: «Die Art und Weise, in der Allah (die Menschen) geschaffen hat, darf man nicht abändern. Das ist die richtige Religion. Aber die meisten Menschen wissen nicht Bescheid.»

In der Tat: Der Westen weiss nicht Bescheid. Anders ist nicht zu erklären, dass dem Islam immer noch begegnet wird, als werde der sich demnächst in einen demokratie- und rechtsstaatsverträglichen Protestantismus verwandeln. Entsprechend verhalten sich westliche Politiker, wenn sie den «Dialog mit der Türkei» beschwören. Als könne es überhaupt einen ­Dialog geben mit Vertretern einer Religion, die der göttlichen Weisheit teilhaftig geworden ist.

Das intellektuelle Besteck, mit dem der Westen dem Islam gegenübertritt, entstammt den Zeiten des Kalten Krieges, als der Feind der Freiheit noch Kommunismus hiess. Die damaligen Freiheitsfeinde jedoch entsprangen westlicher politischer Kultur; Marx war ein Denker mit aufklärerischen Wurzeln. Die Rationalität demokratischer Politiker unterschied sich nur in Nuancen von der Rationalität der Marxisten. Eins und eins ergab am Verhandlungstisch für beide Seiten zwei.

Für Vertreter des Islam jedoch lautet das Ergebnis nur dann zwei, wenn es den eigenen Interessen dient, allenfalls noch aus taktischen Motiven. Grundsätzlich aber gilt die unerschütterliche Überzeugung, dem absolut überlegenen Glaubensbekenntnis anzugehören – und damit über die unumstössliche Wahrheit zu verfügen. Wo­raus sich die Berechtigung zur Herrschaft über alle anderen wie von selbst ableitet.

Der Islam ist eine Herrschaftsideologie, die sich als Religion versteht – was zu ihrer Gründerzeit in den Wüsten Arabiens im 7. Jahrhundert auch gar nicht anders möglich war.

Der Versuch, den guten Islam vom schlechten Islam zu unterscheiden, bleibt ein hilf­loses Unterfangen. Erdogan spottete einst darüber: «Es gibt keinen moderaten und nicht-moderaten Islam. Es gibt nur den ­einen Islam.»

Die westliche Hilflosigkeit schlägt sich nicht zuletzt nieder im Begriff «politischer Islam». Doch der politische Islam ist ein weisser Schimmel!

Auf diesem Schimmel reitet Recep Tayyip ­Erdogan. Unter den Hufen Demokratie und Rechtsstaat.

Publiziert am 06.11.2016 | Aktualisiert am 06.11.2016
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14 Kommentare
  • Toni  Brunner aus Dasmarinas/Cavite/Philippines
    07.11.2016
    Der Versuch, den guten Islam vom schlechten Islam zu unterscheiden, bleibt ein hilf­loses Unterfangen. Erdogan spottete einst darüber: «Es gibt keinen moderaten und nicht-moderaten Islam. Es gibt nur den ­einen Islam.»
    Man müsste korrekterweise "Islam" durch "Moslem" ersetzen. Es gibt den guten Moslem der mich nicht tötet, wenn ich ihm den Rücken kehre, was ich öfters tat im Leben.
    Wenn jeder Moslem 2 Nichtgläubige töten würde, wären 3,2 Mia. Menschen weniger auf der Welt.
  • Manfred  Grieshaber aus Zollikon
    07.11.2016
    Was in der Türkei und in anderen islamischen Staaten vor sich geht ist eine 1 : 1 - Kopie dessen was Cromwells Puritaner im England des 17. Jahrhunderts taten. Nur waren die Engländer politisch viel klüger als viele Muslime heute denn sich ließen sich die Glaubens-Diktatur nicht einmal 20 Jahre gefallen. Damals wurde das Alte Testament zur Rechtfertigung einer politischen Diktatur missbraucht, heute ist es der Koran.
  • -  -.- 06.11.2016
    Erdogan und seine Partei gehören der Dönmeh an, genauso wie das Hause Saud (Deshalb Saudi Arabien). Er spielt eine Rolle die weder den Türken, dem Nahost noch Europa zugute kommt. Bis die Politik diese Zusammenhänge schnallt, gehen noch mal 10-20 Jahre vorbei.
  • Alex  Grendelmeier aus Aarburg
    06.11.2016
    Erdogan zeigt nur, wie ein mohammedanischer Staat zu funktionieren hat. Der Islam ist bekanntlich nicht nur eine Religion, sondern untrennbar auch eine Staatsform. Allah ist Inhaber der absoluten Souveränität, die Scharia der gesetzliche Rahmen. «Demokratien» sind nicht vorgesehen. Europa wird sich noch wundern.
  • André  Buchmann 06.11.2016
    Am 3. November traf sich unser Aussenminister Burkhalter mit seinem Amtskollegen aus der Türkei. Hier bei uns. Auf Einladung. Nett, höflich, Man sei "besorgt…". Mehr als lauwarmes Bla-bla-bla war nicht zu vernehmen. Verständlich, will man niemanden vergraulen. Denn schlussendlich geht es der (vorab bürgerlichen) Politik nur um eines: Ihrer wirtschaftlichen Klientel zu dienen und die damit verbundenen Interessen zu wahren…
    Dies, Herr FAM wäre doch auch einmal ein Thema...!