Frank A. Meyer Entschuldigung?

  • Aktualisiert am 03.01.2012

Nach Jahrzehnten des Terrors haben dänische Karikaturisten es nun also gewagt, den Propheten, auf den sich die Terroristen berufen, in ursächlichen Zusammenhang zu bringen mit eben diesem Terror – mit den Morden im Namen Allahs. Und was ist die Reaktion auf die ungelenk gezeichnete Kritik? Hasserfüllte, zum Teil gewalttätige Angriffe und Aufrufe zu noch mehr Morden.

Wer verbrennt die Flaggen westlicher Demokratien, wer stürmt die Botschaften europäischer Rechtsstaaten? Systematisch aufgehetzte Massen, herbeizitiert und finanziert durch moralisch verkommene Regime wie in Syrien, Iran, Sudan, Ägypten oder Saudi-Arabien, aber auch durch terroristische Organisationen wie Taliban und Fatah.

Es ist kein Volksaufstand gegen den Westen, der da im islamischen Kulturraum stattfindet. Es ist eine von der Protest- und Terrorindustrie organisierte Gewaltorgie gegen die gesamte demokratische Welt.

Die Provokateure in höchsten Ämtern, die dahinter stecken, bedienen sich in gotteslästerlicher Weise Allahs und seines Propheten, um ihre Völker von den wirklichen Problemen abzulenken: vom politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Desaster der Despotien, die vor allem der arabischen Welt ihren gnadenlosen Stempel aufdrücken.

So steht die Sache. Und nicht anders. Haben wir uns zu entschuldigen?

Anpasser kriechen jetzt aus allen Löchern. Sie raten uns, Mitschuld einzugestehen am entflammten Geschehen, uns zu entschuldigen bei dem Mob, der die Fahnen verbrennt, die ihm seine zynischen Führer fabriziert und in die Fäuste gedrückt haben. Pastoren, Politiker und Publizisten wollen uns weismachen, wir hätten es seit je – und nicht nur in Dänemark – an Sensibilität fehlen lassen gegenüber Tabus und Dogmen des Islam. Ganz besonders käme dies in unserem Beharren auf der Freiheit des Wortes und des Bildes zum Ausdruck. Wir seien verantwortlich, genauso wie die Flaggen-Verbrenner, lautet die Botschaft der Beschwichtiger.

Ein ganz besonders interessanter Beschwichtiger hat sich in der deutschen Tageszeitung «Die Welt» zu Wort gemeldet: Tariq Ramadan, Schweizer Bürger aus Genf, intellektueller Wortführer des französischen Islam. Er erteilt uns eine Lehre im Umgang mit unseren Freiheitsrechten: «Wäre es, statt nach Gesetzen und Rechten zu gieren, nicht besser, die Bürger zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Redefreiheit aufzurufen, einem Umgang, der den Empfindlichkeiten, aus denen unsere Gesellschaft sich zusammensetzt, Rechnung trägt?»

Wir sollen uns also bessern, indem wir unsere Rechte freiwillig zurückstutzen und nicht mehr nach der Redefreiheit «gieren»!

Wer aber ist dieser so sanftmütig-salbungsvoll klingende Tariq Ramadan? Der muslimische Theologe klingt ganz anders, wenn er gegen die Aufführung eines Stücks von Voltaire agitiert, wenn er dazu auffordert, die islamischen Werte «wie eine Bombe» in die westlichen Gesellschaften zu werfen, wenn er ein Buch lobt, das Ohrfeigen für Ehefrauen als legitimes Erziehungsmittel propagiert. Beim Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» weigerte sich Ramadan im November 2005 – nicht zum ersten Mal –, die Steinigung von Frauen zu verurteilen.

So also steht die Sache: Islam-Prediger fordern von unserer westlichen Gesellschaft mit Engelszungen den Verzicht auf Freiheit. Vom Verzicht auf Unfreiheit, ja auf Unmenschlichkeit in ihrer eigenen, religiös versiegelten Gesellschaft wollen sie nichts wissen.

Das ist der Konflikt: Freiheit gegen Unfreiheit! Haben wir uns zu entschuldigen?

Unsere Freiheit schliesst die Freiheit ein, die freie Gesellschaft zu bekämpfen, wie es unzählige islamische Agitatoren in Europa tagtäglich praktizieren. Unsere Freiheit schliesst es auch ein, diesen Propheten einer patriarchalischen Weltordnung zuzujubeln, wie es in der Anti-Globalisierungs-Bewegung «Attac» gang und gäbe ist. Zu unserer Freiheit gehört sogar die Freiheit, sich mit postkolonialem Schuldbewusstsein vor islamischen Demagogen in den Staub zu werfen, wie es nicht wenige Intellektuelle derzeit tun.

Schliesslich gehört es zu unserer westlichen Freiheit, islamische Frauen, die in Artikeln, Büchern und Filmen gegen die Knechtung ihrer Geschlechtsgenossinnen kämpfen, überheblich niederzumachen, wie es in deutschen Feuilletons gerade geschieht, im vollen Bewusstsein, damit den tödlichen Hass von Fundamentalisten gegen diese Frauen zusätzlich anzustacheln.

Ja, so weit geht unsere Freiheit – bis zur Karikatur. Haben wir uns dafür zu entschuldigen – ausgerechnet bei denen, die diese Freiheit hassen und bekämpfen?

Frank A. Meyer Frank A. Meyer

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