
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Soll man einen Menschen kritisieren, den man mag? Zum Beispiel Oswald Grübel, den neuen UBS-Chef? Die Antwort lautet: erst recht und grade darum!
Oswald Grübel hat in einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» drei Aussagen gemacht, die dringend der Kritik bedürfen:
Erstens: Für ihn ist die Idee, die UBS in je eine Bank für das Inlands- und das Auslandsgeschäft aufzuteilen, nichts als ein «Hirngespinst» und «sehr weit weg von der wirtschaftlichen Realität». Der frühere Credit-Suisse-Chef fragt sich sogar, «ob die Politiker verstehen, wie ein Unternehmen funktioniert».
Dazu ist Folgendes zu sagen: Ein Hirngespinst ist das weltweite Casinogeschäft der Banken, auch der Credit Suisse. Dieses Hirngespinst der Finanzmanager, zu denen Grübel gehört, hat das Weltfinanzsystem in den Abgrund gerissen. Die Allmachtsfantasien waren, um es mit seinen Worten zu sagen, so «weit weg von der wirtschaftlichen Realität», dass sie die Realwirtschaft – also die Wirtschaft, die wirkliche Werte schafft – mit ins Elend zogen.
Welche Berechtigung hat ein Bankmanager überhaupt zu fragen – wie es der neue UBS-Chef so verächtlich tut –, ob Politiker «verstehen, wie ein Unternehmen funktioniert»? Werden denn nicht soeben Geldunternehmen von Politikern und Steuerzahlern gerettet, weil es offensichtlich die verantwortlichen Manager waren, die zu wenig davon verstanden, «wie ein Unternehmen funktioniert»? Wären die Politiker und Steuerzahler nicht bereit gewesen, Milliarden in die UBS zu pumpen und deren Schrottpapiere durch die Nationalbank übernehmen zu lassen, hätte der Höllensturz der UBS auch Grübels Credit Suisse mitgerissen.
Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau (1841–1929) sagte einst: «Der Krieg ist eine zu ernste Sache, als dass man ihn den Generälen überlassen dürfte.» In abgewandelter Form gilt dieses Zitat heute wie nie: Die internationale Wirtschaft ist eine zu ernste Sache, als dass man sie den Finanzmanagern überlassen dürfte.
Zweitens: Für Oswald Grübel sind Boni eine gute Sache. Von der Debatte über die Managergehälter hält er nichts.
Dazu ist Folgendes zu sagen: Die horrenden Managergehälter und die Boni-Praxis waren ursächlich dafür, dass das Geldgeschäft zum Giergeschäft wurde. Dies gilt heute als gesichert. Die durch und durch wirtschaftsliberale «Frankfurter Allgemeine Zeitung» spricht vom «Fluch der Boni». Diese hätten «die Gier der Investmentbanker an-gefacht» und bewirkt, dass «der Blick fürs Risiko» verloren gegangen sei. Gesichert ist auch die Erkenntnis, dass nicht der Markt die perversen Gehälter verlangte, sondern ein stilles Kartell in Bankvorständen und Aufsichtsräten, das sich selbst bereicherte. Übrigens war Grübel in seinem Amt als CS-Chef der unbestrittene Boni-Champion Europas.
Drittens: Das Bankgeheimnis wird, so Grübel weiter, «auch die nächsten 75 Jahre überleben».
Dazu ist Folgendes zu sagen: Das Bankgeheimnis wird als helvetische Schlaumeierei, die scheinbar feinsinnig zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung unterscheidet, nicht überleben – weil sich diese Spitzfindigkeit weder de n USA noch der EU vermitteln lässt. Und, wie die Umfrage des SonntagsBlicks zeigt, auch nicht mehr der Schweiz. Hier sagt man: «Bschiss isch Bschiss.» Der Schweizer Finanzplatz wird sich den fremden Forderungen fügen müssen, viel zu spät, weil – wie stets in Bankangelegenheiten – nur unter Druck. Wer da noch herausfordernd für das ewige Bankgeheimnis plädiert, erhöht die Unannehmlichkeiten für unser Land.
Oswald Grübel ist ein gradliniger Mensch. Das mag der Grund dafür sein, dass er frei heraussagt, was er schon immer vertrat und glaubte. Doch Grübel, der die CS wesentlich umsichtiger und klüger führte als Ospel die UBS, ist ab sofort mehr als nur ein Banksanierer. Er ist weit über sein Handwerk hinaus gefordert. Denn er bewegt sich in einem gesellschaftlich-politischen Minenfeld. Die Minen hat Ospel gelegt – hat aber auch er gelegt, haben all die Banker gelegt, die jahrelang hochfahrend und höhnisch Kritiker abfertigten, vor allem Kritiker aus der Politik. Vor kurzem noch gab es dafür Applaus der publizistischen und professoralen Öffentlichkeit. Heute gibt es dafür nur noch Applaus der FDP.
Oswald Grübel ist ein neugieriger Mensch, neugierig auf die Meinungen von Andersdenkenden. Er kann zuhören. Jetzt muss er zuhören. Und die politische Sensibilität erlernen, die seine neue Funktion in der völlig zerrütteten Finanzwelt erfordert.
Für drei Millionen Franken Grundgehalt!
Frank A. Meyer