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Konrad Hummler, Teilhaber der St. Galler Privatbank Wegelin, Präsident der Schweizer Privatbankiers, reist nicht mehr in die USA. Aus Vorsicht, wie er sagt. Er fürchtet Unannehmlichkeiten: mit den Behörden, womöglich mit der Justiz. Geschäfte wie die UBS, so versichert er, habe seine Bank nicht betrieben. Wieso dann diese Furcht?
Im aktuellen Anlagekommentar der Bank Wegelin reitet Konrad Hummler eine wilde Attacke gegen die USA: Sie gehörten zu den «weltweit aggressivsten Nationen»; sie hätten «mit Abstand am meisten kriegerische Handlungen vom Zaun gerissen»; sie hätten «Kriegsvölkerrecht verletzt»; sie hätten geheime Gefängnisse unterhalten und fragwürdige Regimes gestützt; die US-Drogenmafia reiche «bis weit in politische Kreise hinein»; die amerikanischen Unterschichten kämen «weder in den Genuss adäquater Bildung noch eines einigermassen tauglichen Gesundheitssystems» … undsoweiterundsofort.
Konrad Hummler kennt kein Halten, wenn er auf die Vereinigten Staaten von Amerika zu sprechen kommt.
Und wer es wagt, Verständnis für die Weltmacht USA zu äussern, der gehört für den berserkernden Banker zu den «Moralisten», die «geistig ein Land unterstützen, das seine Infrastruktur verfallen lässt und in zum Teil fragwürdigen Verfahren Verurteilte in hoffnungslos überfüllte Gefängnisse steckt», sogar «noch die Todesstrafe kennt und extensiv ausübt».
Konrad Hummler ist nicht nur Privatbankier und Präsident seiner Zunft, er ist auch Verwaltungsrat der «Neuen Zürcher Zeitung» und Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank. Liest man seine Fatwa, dann ist er ausserdem Dschihadprediger: Die USA sind für ihn ein Schurkenstaat. Anders lässt sich sein Bannfluch nicht interpretieren.
Darf dennoch etwas gesagt werden zugunsten der grossen Nation auf der andern Seite des Atlantiks? Sind eventuell Fragen erlaubt? Zum Beispiel folgende: Waren die USA nicht jahrzehntelang Garant für die Sicherheit des freien Europas, also auch der Schweiz? Betrachteten wir das Land unter dem Sternenbanner bis anhin nicht als Freundesnation? Als Freiheitsnation?
Waren die USA den Hummlers unseres Landes nicht stets Vorbild punkto freiheitlicher Wirtschaftsordnung? Haben die Hummlers in Wirtschaft, Politik und Me-dien nicht den ganzen neoliberalen Nonsens unter den Präsidenten Reagan und Bush nachgebetet? Haben sich die Lobredner des amerikanischen Sozialdarwinismus nicht jahrzehntelang jegliche Kritik verbeten? Wurde Amerika-Skepsis nicht geradezu als Landesverrat gebrandmarkt?
Fühlte sich die Schweiz nicht wohlig geborgen im mächtigen Schoss der Übermutter USA?
Fragen über Fragen. Und Konrad Hummler gibt eine Antwort: Die USA haben das Bankgeheimnis zerstört – das Bankgeheimnis aber steht über allem! Es ist das eigentliche Bekenntnis der helvetischen Oligarchie. Höheres gibt es nicht. Auch nicht die Freiheit, wie sie die USA in der Welt noch immer verkörpern.
Was sich in den Schatullen der Finanzwirtschaft nicht rechnet, hat keinen Wert. Weder die Überzeugungen noch die Worte von gestern. Alles nur Geschwätz. Alles nur im Dienste des Geldgeschäfts. Sonst nichts.
Ist so die Schweiz? Die Schweiz der Hummlers ist so.
play
Publizist Frank A. Meyer.
(RDB/Sobli)