Die Schweiz ist das Land der 1000 Banken. Daneben existiert noch ein Rest von Industrie. Zum Beispiel Uhren und Schokolade. Aber vor allem Banken, Banken, Banken.
Wie ein Junkie an der Spritze hängt die Schweiz am Stoff der 1000 Banken. Am Geld der 1000 Banken. An vielen Hunderttausend Arbeitsplätzen der 1000 Banken. An Abermilliarden Steuern der 1000 Banken.
Das Ende der Schweiz, die Apokalypse wäre: Bankenland ist abgebrannt.
Alles falsch? Natürlich alles falsch. Aber so führen wir uns auf. Im Ausland, im Inland, sogar im Innersten unserer Politik: Seit 2010 beschäftigt sich der Bundesrat praktisch in jeder Sitzung mit den Banken.
Die Schweiz ist fixiert auf die Banken. Und wird auch so wahrgenommen. Als jüngst ein deutscher Staatssekretär raten sollte, wie viel die Banken zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz beitragen, lautete seine Antwort: «30 Prozent.»
Tatsächlich tragen die Geldhäuser zum Schweizer BIP bei: rund sieben Prozent – mit 3,3 Prozent aller Beschäftigten.
So kann man sich täuschen. So kann ein Land sich täuschen. So kann es die ganze Welt täuschen.
Die Täuschung ist perfekt. Ausländer sind baff, wenn man aufzählt, was und wer alles in der Schweiz wirtschaftet: 300000 Unternehmen, davon 99 Prozent kleine und mittlere Betriebe, viele hoch spezialisiert und mit den Weltmärkten vernetzt, auf allen Kontinenten geschätzt, sogar bewundert.
Unter den 14 weltweit führenden Industrieländern steht die Schweiz im Rating der Hochtechnologie auf Rang eins mit ihrem Maschinenbau, darunter Textil- und Werkzeugmaschinen, Automaten und Roboter; auf Rang eins mit ihren wissenschaftlichen Präzisionsinstrumenten; auf Rang eins mit ihrer Pharmaindustrie; auf Rang zwei mit ihrer Chemieproduktion.
Die Schweiz ist die kompetitivste aller Industrienationen, mit einer Facharbeiterschaft, deren Performance im Weltvergleich als unübertroffen gilt.
Und wir reden von den Banken. Tag für Tag für Tag!
Doch von welchen Banken reden wir? 330 Banken hat die Schweiz. Davon betreiben rund 30 die Akquisition privater Vermögen im Ausland – das Geschäft mit dem Steuerbetrug. Ein Dutzend dieser 30 sind Niederlassungen ausländischer Finanzinstitute.
Über wen reden wir also unablässig? Über Sarasin und Mirabaud und Odier und Pictet und Wegelin und CS und UBS. Wir reden über sie, als seien sie die Schweiz.
Dieses Zerrbild, das wir von uns selbst entwerfen, ist in Europa und der übrigen Welt auf fatale Weise angekommen: Die Schweiz gilt als das Land der 1000 Banken, als Bankenschweiz, als Schwarzgeldschweiz.
Demnächst müssen sich die Banken im Visier der US-Justiz aus ihren Schwarzgeldaffären freikaufen. Seit ihre Steuerbetrügereien aufgeflogen sind, wagen sich die Schweizer Täter und ihre Chefs nicht mehr ins gelobte Land des Kapitalismus – dort droht ihnen die Verhaftung. Sollte der Konflikt andauern, wagen sie sich bald überhaupt nicht mehr ins Ausland, könnten sie doch überall per Interpol zur Arretierung ausgeschrieben sein.
Was wird der Freikauf kosten? Hunderte Millionen bestimmt, womöglich weit über eine Milliarde. Die ertappten Banker blicken deshalb begehrlich aufs Bundeshaus. Bereits haben sie ihre Partei in Marsch gesetzt: Auf dem Zürcher Paradeplatz forderte die SVP vergangene Woche, dass die US-Bussen der Schwarzgeldbanken zumindest teilweise aus Steuergeldern bezahlt werden.
Die «Neue Zürcher Zeitung», das Bankenblatt par excellence, wird nicht müde, die Schweiz davor zu warnen, im Steuerkonflikt mit den USA durch Nachgiebigkeit zur «Bananenrepublik» herabzusinken. Die Warnung vor diesem Schicksal kommt spät. Zu spät.
Die Schweiz, das grossartige Land der Industrie, das wunderbare Land der Facharbeiter, das stolze Land des Handwerks, ist bereits eine Bananenrepublik – die Bananenrepublik der 30 Banken.
Beliebteste Kommentare
Alle Kommentare (14)