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2008 ist nicht 1936. Peking ist nicht Berlin. Das Reich der Mitte ist nicht das Dritte Reich. Die Kommunistische Partei Chinas ist nicht die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.
Das heutige China ist ein Land, das ausbricht aus seiner jahrzehntelangen Isolation, das sich öffnet für die Welt, das mit der Welt sein will. Das Deutschland der Dreissigerjahre war ein Land, das mit der Welt brach, das gegen die Welt stand, das sich anschickte, die Welt mit schrecklichster Verwüstung zu überziehen.
Es war deshalb zulässig, die Olympiade 2008 in Peking zu inszenieren. Dagegen war es unzulässig, das Fest des Weltsports 1936 in Berlin von den Nazis inszenieren zu lassen. Peking ist zu rechtfertigen, Berlin nie und nimmer.
Warum ist Peking zu rechtfertigen? Die chinesische Gesellschaft ist, wo sie sich der kapitalistischen Wirtschaft bedient, durchlässig geworden. Der Kapitalismus ist welthaltig – der europäische kreativ, der amerikanische libertär, beide auf emanzipierte Bürger angewiesen.
Seit der Vernetzung der Welt durch die modernen Medien sickern die befreienden Qualitäten des Kapitalismus in die chinesische Gesellschaft ein. Keine kommunistische Partei kann das Internet auf Dauer an die Kette legen. Der Neugierde von Abermillionen Laptop-Bürgern kommt kein Zentralkomitee bei.
So wird in China mit jedem Computer ein Stück Freiheit installiert. Das aber macht den Machthabern Angst.
Die Olympiade 2008 hat China decouvriert: mit der gigantomanischen Eröffnungsshow als Land totalitärer Ästhetik; mit den hysterischen Massnahmen gegen jedes Aufbegehren als Land tiefer Verunsicherung.
Was die Welt denkt, ist für die Pekinger Machthaber von allergrösster Bedeutung. Jedes kritische Wort, das von aussen über die Chinesische Mauer dringt, hat Wirkung – zunächst scheinbar kontraproduktiv, auf Dauer produktiv. Was auch heisst: Jedes kritische Wort ist wichtig!
Das ist der Dienst, den Demokratien den Diktaturen erweisen können, die ihre ersten Schritte auf dem Weg ins Freie gehen: Kritik, aber auch Anerkennung für Fortschritte; demokratische Unbeugsamkeit, aber auch Einsicht in Probleme.
Denis Oswald, Schweizer Mitglied des «Internationalen Olympischen Komitees» (IOK), hat der «Neuen Zürcher Zeitung» ein Interview gewährt. Er formulierte dabei unter anderem den verblüffenden Satz: «Wo die Spiele stattfinden, ist letztlich Nebensache.»
Was sagt uns dieser Satz im historischen Rückblick? Die Spiele durften 1936 in Berlin stattfinden. Was sagt uns dieser Satz für die Zukunft? Die Spiele dürfen in den schrecklichsten Diktaturen stattfinden. Was sagt uns dieser Satz gerade jetzt? Alles Ringen um Chinas politische Seele war irrelevant, alles Mühen um die Menschenrechte «letztlich Nebensache».
Denis Oswald erringt für die Schweiz die letzte Medaille: Gold für den dümmsten Satz der Olympiade.
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Frank A. Meyer