Frank A. Meyer Der werfe den nächsten Stein

  • Publiziert: 31.07.2010, Aktualisiert: 03.01.2012

Jetzt ist auch das Militär befallen. Vom Berater-Virus.

1,28 Millionen Franken für die Berater von Boston Consulting, 500000 Franken für den beratenden Leiter einer «Taskforce», 200000 Franken für den beratenden Leiter des «Steuerungsausschusses» dieser «Taskforce», 740000 Franken für einen Informatik-Berater.

Das VBS,
besser bekannt als Militärdepartement, ist den Consultern in die Hände gefallen. Die Aufregung bei Politik und Publizistik ist gross.

Hätte das nicht geschehen dürfen?

Es geschieht überall. Kaum eine Firma, deren Management auf sich hält, glaubt heute noch, ohne Consulting-Crews auszukommen. Powerpoint-Präsentationen durch Bürschchen aus der Betriebswirte-Küche der Universität St. Gallen oder der Berater-Backstube McKinsey sollen Standing und Prestige des modernen Managements befördern.

Man denkt nicht mehr selber. Man lässt denken. Jedenfalls lässt man denken, man habe denken lassen: Wer der Öffentlichkeit oder auch nur dem Verwaltungsrat einen gewichtig gehefteten Berater-Bericht auf den Tisch schieben kann, der gilt schon mal als solider Unternehmensführer, hat er doch, für viel Geld, Kompetenz eingekauft.

Es stellen sich allerdings drei Fragen, die leider niemand mehr stellt. Erstens: Was macht das Management eigentlich noch selbst? Zweitens: Was kann das Management noch selbst? Drittens: Was können die Consulter besser als das Management?

Die dritte Frage hat es in sich. Wer je mit Consultern befasst war, der weiss, wie Consulting sich abspielt: Mitarbeiter, Chefs und Manager werden befragt; dann werden die Antworten der Mitarbeiter, Chefs und Manager zu Antworten der Consulter aufbereitet und den staunenden Mitarbeitern, Chefs und Managern als Ergebnis der Beratung präsentiert – Diebstahl geistigen Eigentums unter dem Applaus und auf Kosten der Bestohlenen.

Was nach der faszinierenden Selbstinszenierung der Berater bleibt: Hunderte Seiten Papier, die Hunderttausende, wenn nicht Millionen gekostet haben, in Globalesisch verfasst sind und von niemandem gelesen werden.
Es gilt: je teurer, desto grandioser.

Längst ist es selbstverständlich, das Denken über das eigene Unternehmen aus dem eigenen Unternehmen auszulagern: «Outsourcing» lautet der Begriff dafür – Denken in fremde «Quellen» auszulagern und von dort teuer wieder einzukaufen.

Ist Denkarbeit anders überhaupt noch denkbar? Zum Beispiel als engagiertes Selberdenken der besten, der kreativsten, der erfahrensten Köpfe eines Unternehmens? Alles «old fashioned», nicht mehr zeitgerecht. Es fehlt ohnehin die Zeit dazu, denn Denken dauert, wäre deshalb auch nur möglich, wenn das geschäftige Getue auf den Chefetagen im Interesse der verantwortungsvollsten Aufgabe entschleunigt würde: des Selber- und Weiterdenkens.

Doch man beschränkt sich lieber darauf, mit den unternehmenseigenen Kräften dem «Business as usual» zu frönen. Wann immer es um mittel- oder gar strategisch langfristige Fragen geht, wird «outgesourct». Die eigenen Mitarbeiter und Kader müssen sich dann verhören lassen durch Berater und Berater-Assistenten sowie Assistenten der Berater-Assistenten, die sich die fehlende Kompetenz rasch, rasch mal eben bei diesen Mitarbeitern und Kadern abholen. Das ist der raffinierte Dreh im Berater-Geschäft.

Wer wirft auf das VBS den nächsten Stein?

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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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