Der rechte Papst

  • Publiziert: 08.02.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Ist der Papst wirklich «der Entrückte», wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» diese Woche auf seiner Titelseite suggeriert?

Ist der Papst wirklich «der Entrückte», wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» diese Woche auf seiner Titelseite suggeriert? Die ganze Welt rätselt, was bloss in Benedikt XVI. gefahren war, als er die Priesterbruderschaft Pius X. in den Schoss der Kirche zurückholte – und damit einen exkommunizierten Holocaust-Leugner, den britischen Bischof Richard Williamson, wieder zum Mitglied der alleinseligmachenden katholischen Kirche erhob.

Doch es gibt da kein Rätsel. Joseph Ratzinger – so hiess er, als er noch Chef der im Mittelalter als «Heilige Inquisition» gefürchteten Glaubenskongregation war – ist, wie er ist: erzkonservativ, auch reaktionär.

Über die Brücke, die er jetzt zu der starrsinnig-abtrünnigen Bruderschaft schlägt, geht er selbst. Dafür zeugen zahlreiche Zeichen seiner zeitfremden Weltsicht:

Für den deutschen Papst ist die evangelische Kirche keine richtige Kirche; die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wird vom Vatikan geächtet, weil sie das Abtreibungsrecht für Frauen fordert, die Opfer von Vergewaltigung oder Inzest geworden sind; auf Benedikts Anweisung darf die Messe wieder in Latein gelesen werden; in diesem «tridentinischen» Ritus aus dem Jahr 1570 wird nun mit seinem Placet für die Bekehrung der «treulosen Juden» gebetet; der antisemitische Pater Tadeusz Rydzyk aus Polen ist ihm «aus ganzem Herzen» einen Segen wert; gezielt ernennt er stockkonservative Bischöfe, in Chur zum Beispiel Vitus Huonder, der demokratische Strukturen in der Zürcher Kirche bekämpft, in Linz zum Beispiel Gerhard Maria Wagner, der «Harry Potter» für gefährliche Literatur hält und im unermesslichen Leid, das der Tsunami und Hurrikan Katrina über die Menschen brachte, eine gerechte Strafe Gottes sieht; bei seinem Besuch in Auschwitz bekundete Benedikt XVI. zwar tiefste Erschütterung über das Menschheitsverbrechen an den Juden, gleichzeitig aber entschuldigte er die Deutschen als von Hitler «gebrauchtes und missbrauchtes» Volk; hartnäckig betreibt er die Heiligsprechung von Pius XII., der zur Vernichtung der Juden schwieg.

Seinem Brückenschlag nach rechts aussen entspricht der Abbruch von Brücken zu Katholiken, die sich für einen aufgeklärten und frauenfreundlichen Katholizismus einsetzen oder für soziale Gerechtigkeit in der Dritten Welt kämpfen. Bereits in seinem Amt als oberster Glaubenswächter strafte Ratzinger liberale Theologen in Europa und Befreiungstheologen in Südamerika systematisch ab, vertrieb sie aus Universitäten und Kirchen.

Genau so ist Benedikt XVI. Und genau so erklärt sich auch seine Sympathie für die Priesterbruderschaft Pius X..

Die 1970 im Wallis von Bischof Marcel Lefebvre gegründete Organisation markiert den äussersten rechten Rand der katholischen Kirche: Sie verwirft Demokratie, Rechtsstaat, Religionsfreiheit, Menschenrechte, Rationalismus, Liberalismus und die Trennung von Kirche und Staat als Grundirrtümer der Moderne, als Machenschaften der ewigen Kirchenfeinde, von den Juden über die Freimaurer bis hin zu den Demokraten.

In Frankreich gehört die Bruderschaft zum rechtsextremen Sumpf des Faschisten Jean-Marie
Le Pen und der gerichtsbekannten Holocaust-Leugner Robert Faurisson und Henri Roques. Die Vernetzung mit Politikern und Potentaten der äussersten Rechten ist kein Zufall. Bruderschafts-Gründer Lefebvre betrieb sie konsequent: Protegiert durch die Militärdiktatur der 70er- und 80er-Jahre in Argentinien baute er seine südamerikanische Bastion auf, in die sich der notorische Holocaust-Leugner Williamson jüngst «zur Erholung» zurückzog.

Dogmatischer Bestandteil der Lehre von inzwischen weltweit 600000 Lefebvre-Anhängern ist der Antijudaismus. Pater Franz Schmidberger, deutscher Chefideologe der Bewegung, wandte sich vor Weihnachten in einem Brief an die Bischöfe seines Landes, um ihnen die jüdische Ursünde in Erinnerung zu rufen: «Mit dem Kreuzestod Christi ist der Vorhang des Tempels zerrissen, der Alte Bund abgeschafft. Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben. Sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.»

Schuldige Juden? Unbelehrbare Juden? Gottesmörder? Das ist das Repertoire der ewigen christlichen Antisemiten.

Hatte der aus dem klerikal-autoritären Österreich stammende Katholik Hitler vielleicht doch nicht so ganz unrecht? Ahnungslose strenggläubige Katholiken könnten den Schmidberger-Brief in diesem Sinne interpretieren! Wäre der Pater Politiker und seine Bewegung eine Partei, wäre längst der Verfassungsschutz tätig.

Ausgerechnet die Brüder und die Bruderschaft, die in den Juden keine Brüder sehen wollen, macht Benedikt XVI. jetzt wieder zu seinen Brüdern!

Der kalte Theologe Ratzinger, der als Glaubens-hüter des Vatikans in der katholischen Kirchenwelt jahrelang Rasterfahndung nach liberalen und linken Abweichlern betrieb, will nichts, aber auch gar nichts von den Judenfeinden, Holocaust-Leugnern, Demokratie-Verächtern, Menschenrechts-Bekämpfern, Folterer-Freunden und Diktatoren-Komplizen der Priester-bruderschaft Pius X. gewusst haben. Das sollen urbi et orbi glauben.

Ein Wort ist bisher nicht gefallen: Klerikalfaschismus – ja, Faschismus, das grosse Faszinosum katholischer Fundamentalisten! Wo immer die faschistische Ideologie ihr verbrecherisches Haupt erhob, war Rom dabei: Die Konkordate des Vatikans zuerst mit Mussolini, später mit Hitler entzogen aufrechten katholischen Demokraten die religiöse Legitimation zum Widerstand, machten antifaschistische Priester wehrlos.

Die Komplizenschaft der Kirche mit rechtsextremen Menschenfeinden setzte sich durch das gesamte 20. Jahrhundert fort, von Franco in Spanien über Salazar in Portugal und Pinochet in Chile bis zu Videla in Argentinien. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» rief vorletzten Freitag das Verhalten der vatikanisch gesteuerten Klerisei zu Zeiten der argentinischen Terror-Generäle in Erinnerung: «Die Willfährigkeit der Kirche gegenüber der Diktatur ging seinerzeit so weit, dass Geistliche öffentlich die Verfolgung von Regimegegnern rechtfertigten und in den Gottesdiensten den Führern der Junta die Kommunion spendeten. Militärseelsorger segneten von den Sicherheitskräften entführte Personen, bevor sie betäubt und aus Flugzeugen über dem Rio de la Plata oder dem Atlantik abgeworfen
wurden.»

Hat Rom je einen dieser Folterer exkommuniziert? Wurden die Bischöfe und Priester, die den Diktatoren zudienten und den Segen erteilten, je vom Papst zur Rechenschaft gezogen? Nein. Sie bargen sich selig im grossen Schoss der katholischen Kirche, der «Unam et Sanctam». Kein Wunder, dass jetzt auch die Priesterbruderschaft Pius X. wieder dazugehört.

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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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