Der Kniefall

  • Publiziert: 22.03.2008, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Was war das doch anno 2007 für ein tolles Bild! Micheline Calmy-Rey im Hosenanzug, einem schwarzen Dreiteiler, also mit Gilet, den Gürtel modisch auf Hütfhöhe – ein kecker Pony und ein breite sDimitri-Lachen unterstreichen die selbstsichere Fröhlichkeit der Bundespräsidentin.

Und jetzt das: Micheline Calmy-Rey unter einem weissen Kopftuch und mit verkniffenem Mund bei Ahmadinedschad, dem islamistischen Präsidenten des Iran, vor kurzem noch Gastgeber von Holocaust-Leugnern, schon immer ein unverbesserlicher Hetzer gegen das Existenzrecht Israels.

Was ist bloss in Calmy-Rey gefahren? Die Aussenministerin hatte Teheran besucht, um der Unterzeichnung eines Gasgeschäfts zwischen der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg und der iranischen Gasexport-Gesellschaft Nigec ihren bundesrätlichen Segen zu erteilen. Ein
«Gegengeschäft», wie eilfertig versichert wurde. Alles «dans l’ordre des choses»? Alles «business as usual»?

Wenn es ums Geld geht, dealt die Schweiz seit jeher noch mit den düstersten Despoten, warum also nicht mit einem Dschihadisten? Für klingende Münze erträgt man auch die Kritik der Amerikaner, die der Meinung sind, das schweizerisch-iranische Gasgeschäft verletze den Geist der Sanktionen gegen das Regime der Mullahs.

DerR Auftritt im Kopftuch bedeutete laut Calmy-Rey nichts weiter als «Respekt gegenüber den Regeln des Landes». Was gehört zu den Regeln des Landes Iran? Vorab und vor allem die Unterdrückung der Frau. Die Unterdrückung von Millionen Frauen! Tagtäglich für alle Welt sichtbar in dem Zwang, den Schleier zu tragen und so die Unterwerfung unter die Herrschaft des Mannes ständig zu bezeugen. Frauen, die gegen die Verhüllungspflicht verstossen, werden von der Religionspolizei drangsaliert, von Zurecht-
weisung über Prügel bis zur Folter.

Fürchtete Micheline Calmy-Rey die iranische Sittenpolizei? Nein. Micheline Calmy-Rey fürchtet nichts und niemanden. Sie denkt nur manchmal zu wenig nach. Dies leider besonders dann, wenn es um den Nahen Osten geht, um die islamische Welt, um den Islam.

Seit Jahren ist die schweizerische Aussenpolitik ganz klar pro-islamisch und ebenso klar anti-israelisch: Calmy-Rey gratulierte der Terrororganisation Hamas eilfertig zum Wahlsieg in Palästina und forderte die Zusammenarbeit mit ihr; sie verurteilte einseitig den Einmarsch Israels in den Libanon und zitierte dessen Botschafter zur Strafpredigt ins Aussenministerium; sie bekundete Verständnis für den gewalttätigen islamischen Protest gegen die Mohammed-Karikaturen und bezeichnete deren Publikation als «inakzeptabel»; sie ist verantwortlich dafür, dass die Schweiz als einziges europäisches Land eine islamische UN-Resolution unterstützte, die Israels Militäreinsatz im Gazastreifen als «Kriegsverbrechen» anprangert.

Israel als Schurkenstaat! Glückwünsche für die terroristische Hamas! Kniefall vor dem iranischen Präsidenten! Was ist bloss in Calmy-Rey gefahren?

Zu erklären ist das Verhalten der sozialdemokratischen Bundesrätin mit der Ideologie der Linken in der Suisse romande, insbesondere in Genf: Es dominieren dort die «Tiersmondistes», die «Drittweltler», deren Weltbild feinsäuberlich geteilt ist in Arme und Reiche, in Ohnmächtige und Mächtige. Zu den Reichen und Mächtigen, die sie verabscheuen, gehören vorab die USA und Israel, der «Stellvertreter der USA im Nahen Osten». Die Armen – die Ärmsten! – sind die Palästinenser.

Dass PALÄSTINA in einer Weltgegend, deren Reichtum über den ganzen Globus schwappt, von prassenden Potentaten mit Absicht und agitatorischem Kalkül im Elend gehalten wird – das blenden die Tiermondistes der Suisse romande systematisch aus.

Ebenso systematisch blenden sie aus, dass Israel in seiner Existenz bedroht wird – nicht nur prinzipiell, sondern ganz unmittelbar, Tag für Tag, durch Selbstmord-Attentate und Beschuss aus dem Libanon sowie aus dem Gazastreifen, unter anderem mit iranischen Raketen.

Das Herz der Welschen Drittweltler schlägt für den Islam und seine Islamisten, in denen sie Kämpfer gegen Kapitalismus und Globalisierung erblicken. Sie übersehen dabei geflissentlich, dass Allahs Religionskultur im eklatanten Widerspruch zu den Freiheiten unserer offenen Gesellschaft steht, dass dieser Widerspruch von Islamabad über Teheran bis Riad täglich und stündlich in Aggression umgesetzt wird – gegen die freie westliche Welt.

Micheline Calmy-Rey erfuhr ihre politische Sozialisation im Milieu der Genfer und Westschweizer Drittwelt-Kämpfer. Hier lernte sie jede Menge ehrenhaftes Engagement für die Armen rund um den Globus. Die selben Kreise sind im Kampf gegen die Unterdrückung allerdings nicht ganz so rigoros. Die islamische Welt geniesst bei ihnen nahezu Immunität. An die Frauen-Apartheid in den Scharia-Gesellschaften verschwenden sie kaum einen Gedanken.

Micheline Calmy-Reys Kopftuch-Auftritt in Teheran war gedankenlos – ein Affront gegen alle Frauen, die durch Koran und Scharia unter der Männer-Knute gehalten werden. Der fatale Fauxpas wäre unserer sonst so selbstbewussten, unserer sonst so gescheiten Aussenministerin nicht unterlaufen, hätte sie vor der Reise
folgenden Satz von Karl Marx gelesen: «Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die Hässlichen eingeschlossen).»

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