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Braucht das Tessin einen Bundesrat? Die Frage, durch Wehklagen von dort provoziert, ist verkehrt herum gestellt. Wenn die Schweiz einen Bundesrat braucht, wie gerade eben, dann braucht die Schweiz einen Bundesrat. Nicht das Tessin.
Die verkehrte Frage legt den Kern des Problems offen: Das Tessin hat sich aus der Schweiz zurückgezogen.
Der italienischsprachige Landesteil stellte in Bern bis in die Neunzigerjahre Politiker, welche nachhaltig die Geschicke der Schweiz mitbestimmten. Erinnert sei nur an Generali, Jelmini, Celio, Masoni, Barchi, Salvioni, Cotti – Schweizer Politiker aus dem Tessin.
Und heute? Sicher, Ständerat Dick Marty ist ein Intellektueller von Format, Nationalrat Fulvio Pelli immerhin FDP-Präsident. Bestimmende Schweizer Politiker jedoch sind beide nicht.
Die Tessiner Politik ist autistisch geworden. Sie spielt vor allem im eigenen Kanton. Und sie spielt kleinste Spiele. Jeder politische Tratsch findet Niederschlag in Zeitungsspalten, Radioprogrammen und Fernsehsendungen. Kein Satz eines Tessiner Politikers bleibt unbeachtet in der kleinkarierten Tessiner Medienwelt, keiner unbesprochen, keiner unwidersprochen in diesem übermedialisierten Kanton.
Die Tessiner Politik genügt sich selbst. Vergnügt sich mit sich selbst. Befriedigt sich selbst.
Die Stimme für die Schweiz erheben? Die Schweiz beeinflussen wollen? Die Schweiz verändern gar? Für Tessiner Politiker ist das Tessin das Tessin das Tessin.
Die Provinzialisierung des südlichen Landesteils hat viel zu tun mit den Erfolgen der Lega dei Ticinesi. Mit Chauvinismus und Vulgarität hat diese rechtspopulistische Bewegung die beeindruckend hohe politische Kultur des Tessins auf das Niveau eines Stammtischs herabgewürdigt. Die traditionellen Parteien, allen voran der Freisinn, passten sich an, machten mit, unterwarfen sich.
Doch das allein hätte nicht genügt, um den intellektuell oft brillanten Diskurs der Politik im Tessin zum Verstummen zu bringen. Es bedurfte dazu noch des Finanzplatzes Lugano, der die Interessen des Kantons auf die Interessen der Banken verengte – das Bankgeheimnis als Geschäftsmodell des Tessins.
Nun beklagt sich das Tessin, von der Schweiz als Hinterzimmer behandelt zu werden. Doch die Schweiz könnte sich ihrerseits beklagen. Ihr ist nämlich eine ganze Kultur abhandengekommen: die Sensibilität, das Temperament, der Republikanismus, die polyglotte Intelligenz der italienischen Sprachkultur – essenzielle, unverzichtbare Qualitäten für unser Land.
Das Tessin ist nicht einfach die Sonnenstube. Das Tessin ist konstitutiver Landesteil der Schweiz. Doch der Landesteil ist zum Kanton geschrumpft.
Das Tessin muss dringend wieder zum Landesteil werden.
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Publizist Frank A. Meyer.
(RDB/Sobli)