Wie das klingt! Juso Schweiz gegen die Fusion von Glencore und Xstrata – Jungsozialisten gegen den weltgrössten Rohstoffhändler und den viertgrössten Bergbaukonzern der Welt.
Wie das klingt! Eine «Mahnwache» gegen die schier unermessliche Machtzusammenballung auf dem Weltmarkt für Zink und Kupfer, gegen die milliardenschwere Spekulation mit Nahrungsmitteln.
Wie das klingt! Jungspunde aus der politischen Provinz Schweiz gegen die Manager eines globalen Mammutkonzerns.
Es klingt nicht einmal wie David gegen Goliath, vielmehr wie Davidchen gegen Mega-Goliath. Eigentlich zum Totlachen. Glencore-Chef Ivan Glasenberg mit Wohnsitz in Rüschlikon wird es auf jeden Fall amüsieren. Mit seinen Abgaben an de Fiskus hat er die Gemeinde am Silberufer des Zürichsees zum Steuerparadies gemacht: tiefster Steuerfuss im Kanton! Er darf der Dankbarkeit seiner Rüschlikoner Mitbürger sicher sein: Schulhaus- und Sportbauten können realisiert werden, ebenso ein neuer Werkhof.
Glencore-Glasenberg ist angekommen, privat wie auch mit seinem Unternehmen: auf der Rohstoffdrehscheibe Schweiz. Genau darum geht es den Jusos: um die Schweiz als Standort des globalen Rohstoffgeschäfts. Die jungen Linken geisseln die unkontrollierte Verfügungsgewalt der Händler über die wichtigsten Werkstoffe der Weltwirtschaft; sie zürnen gegen Spekulation mit Nahrungsmitteln.
Soll man, muss man den Jusos Aufmerksamkeit schenken? Jung sind sie, also unreif! Sozialisten sind sie, also kapitalismuskritisch! Wieso solchen Leuten überhaupt zuhören? Vielleicht hilft die Erinnerung: 1979 lancierten junge Sozialdemokraten die «Banken-Initiative». Sie forderten die Rechtshilfe gegenüber dem Ausland bei Steuerbetrug.
Was für ein Anliegen war das damals? Ein Reförmchen, mehr nicht. Kinkerlitzchen, wenn wir uns die aktuelle Lage vor Augen führen: ein sturmreif geschossenes Bankgeheimnis, eine übel beleumundete Bankenbranche, eine Schweiz, die bös ins Gerede gekommen ist. 1984 aber wurde das linke Reförmchen mit aller Propaganda-Macht des Geldes vom Tisch gefegt: 73 Prozent Nein bei der Volksabstimmung! Die Befürworter wurden geschmäht als patriotisch unzuverlässig, als Subversive.
Die erfolgreiche Schlacht gegen die Banken-Initiative erbrachte aus Sicht der Banken einen kolossalen Kollateralnutzen: Das Bankgeheimnis galt fürderhin als Tabu, weil mit dem Gütesiegel des Volkes versehen.
In den folgenden Jahren berief sich die Regierungspolitik immer wieder auf diesen Volksentscheid, nicht zuletzt gegenüber der OECD, die dem schädlichen Steuerwettbewerb der Nationen 1999 gewisse Grenzen setzen wollte.
Wer hinfort Einwände gegen das Bankgeheimnis vorbrachte, war abgestempelt als Gegner der wahren, der erfolgreichen, der reichen Schweiz. Die Schweiz verkam zur Bankenschweiz.
Inzwischen sind alle klüger. Der Kollateralnutzen, der die Banken damals triumphieren liess, ist der Kollateralschaden, der das Land heute leiden lässt: Hätte die Schweiz seinerzeit auf die linken Reformer gehört, hätte sie von ihrem Finanzplatz-Fetischismus gelassen und das Bankgeheimnis sukzessive den internationalen Gepflogenheiten angepasst – sie stünde erheblich besser da.
Vielleicht stünde sie sogar gut da! Ist es also zu viel verlangt, den Jusos mit ihrer possierlichen Mahnwache Gehör zu schenken? Wenigstens das eine, das linke Ohr?
Die Macht der Rohstoffkonzerne wird in Zukunft weltweit Verwerfungen provozieren: durch Spekulation und Korruption und Raubbau, durch Arbeitskämpfe in den Minen und auf den Feldern, durch Affären, Streitereien und Skandale, durch internationale Attacken – zu Recht wie zuUnrecht.
Und stets die Schweiz dabei im Mittelpunkt! Ja, leider. Denn an der Schweiz bleiben all die üblen Geschichten hängen, für die wir natürlich nichts können, weil die verantwortlichen Weltfirmen doch eben Weltfirmen sind und nicht original eidgenössische Unternehmen.
Doch das Waschen der Hände in Unschuld wird nicht funktionieren, wie es im Falle der Banken schon nicht funktioniert hat. Die Welt sieht uns nun mal anders als wir uns selbst! Das Reputationsrisiko der Rohstoffkonzerne ist für die Schweiz immens, grösser als alle Finanzplatzrisiken, die wir gerade mit Weh und Ach durchleben.
Deshalb stellt sich die Frage: Was soll, was will die Schweiz in Zukunft sein? Drehscheibe für die grössten Geschäftemacher aller Kontinente? Schlaraffenland für die gierigsten Geldgauner des Erdballs? Oder ordentliche Heimat für ordentliche Bürger, die mit ordentlicher Arbeit ordentlich verdienen – und ihre Gäste zur Ordnung rufen, wenn sie von Zug oder Genf aus ihr umstrittenes Business betreiben?
Die Schweiz bedarf einer rigorosen Geschäftsordnung für die «Global Players» auf ihrem Territorium, heute vor allem für die Glencore-Glasenbergs.
Gestern hätte die Schweiz einer Ordnung für die Finanzplatz-Player bedurft – hätte sie doch bloss auf ihre linken Mahnwächter gehört!
Jetzt hat sie Gelegenheit, aus der Geschichte zu lernen.