Das leere Wort

  • Publiziert: 26.07.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Die Kalamität könnte katastrophaler kaum sein: täglich neue Meldungen über Verfahren gegen die UBS in den USA, Schuldeingeständnisse und Entschuldigungen von UBS-Bankern, Unterwerfung des einst bis zur Arroganz stolzen Finanzinstituts unter die Knute der amerikanischen Behörden, Preisgabe des Bankgeheimnisses für US-Kunden, Rückzug aus dem US-Offshore-Geschäft.

Das alles nach 40 Milliarden Abschreibungen, nach gigantischen Verlusten, nach einem dramatischen Zerfall des Aktienkapitals.

Die Höllenfahrt der weltgrössten Bank für private Vermögensverwaltung will und will nicht enden.

Felix E. Müller, wieselflinker Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», hat jüngst aufgerufen zu tätiger Nächstenliebe. Es gehöre, klagte der Journalist, «schon fast zum guten Ton, auf die Grossbank einzuprügeln». Besser wäre es dagegen, «sich zu überlegen, wie gravierend die Folgen einer UBS-Pleite wären». Deshalb sei, so Müller, nicht mehr miesepetrige Mäkelei, sondern wirtschaftspatriotische Moral das Gebot der ernsten Stunde: «Die UBS ist jetzt auf Support angewiesen.»

Die Sonntags-Predigt des Patrioten Müller hören wir wohl. Doch was ist zu tun? Sollen wir unser Erspartes auf die nächste UBS-Filiale tragen? Soll die Schweizer Kolonie New Yorks zur Demonstration in der Wall Street aufmarschieren? Sollen beherzte Baby-Banker die Berner Botschaft des Schurkenstaates USA besetzen?

Oder hilft es, für die UBS zu beten?

Womöglich hilft alles nichts, weil die Dinge vorerst sind, wie sie sind – und wie sie angerichtet wurden! Ist es schon Sünde, zu fragen: Wer trägt für das Desaster die Verantwortung? Die bösen Bankenkritiker oder die braven Bankmanager?

Die Finanzkrise ist kein Naturereignis, auch wenn die publizistische Prätorianergarde der Banken gerne von Sturm, Taifun oder Beben schwadroniert. Es gibt Täter.

Ihr Pate sitzt seit einigen Wochen wohlversorgt in Wollerau, wo sich steuerlich ganz besonders wohlleben lässt. Über seine Schwyzer Idylle hat sich Marcel Ospel geradezu romantisch bewegt geäussert: «Die Gegend ist hübsch. Es tummeln sich dort Schafe mit Glöckchen und Kühe mit weniger leisen Glocken. Auch habe ich einen schönen kleinen See entdeckt.» In solch putzigem Paradies kann man Verantwortung wunderbar abschütteln.

Verantwortung? Das war einst das grosse Wort des globalisierten Manager-Kapitalismus. Es wurde den Bürgern entgegengeschleudert, die sich über die exorbitanten Manager-Einkommen empörten.

Was aber ist Verantwortung? Persönliche Haftung? Busse durch Einbusse?

Das grosse Wort, es ist ein leeres Wort.

Soll jetzt die Gesellschaft, soll gar die verachtete Politik das leere Wort mit Sinn erfüllen? Durch «Support» für die UBS? Durch Verzicht auf Kritik an der UBS? Was die «NZZ am Sonntag» verlangt, ist viel. Zu viel.

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