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Martin Meyer ist einer der intelligentesten Journalisten der Schweiz. Ein brillanter Stilist ist er überdies. In der «Neuen Zürcher Zeitung» kommentierte er den Brief des Papstes zur Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft, worunter die des Holocaust-Leugners Williamson.
Warum ist dieser Kommentar zu kommentieren? Weil Martin Meyer die Piusbrüder in ein unstatthaft mildes Licht rückt. Er nennt sie «die konservative Piusbruderschaft» und stellt sie dar als «eigensinnige Schismatiker» sowie «Hüter der Tradition», die ihren Glauben nach «alter Väter Sitte» leben.
Für diese sympathisch verschrobene Gemeinschaft habe Benedikt XVI. «gewisse Sympathien». Bei solch sanftem Licht besehen, ist die Aufregung der letzten Wochen wahrlich nicht zu verstehen. Wieso Entsetzen, Aufstand und Protest urbi et orbi und weit über die katholische Kirche hinaus? Der ganze Lärm nur wegen einiger konservativer, eigensinniger, altväterlicher Hüter der Tradition?
Es verhält sich leider alles ganz anders, als Martin Meyers Wortwahl suggeriert. Die Piusbruderschaft speist sich aus der katholischen Ursuppe reaktionären Denkens. Joseph de Maistre (1753–1821), Pamphletist gegen Aufklärung und Französische Revolution, Kämpfer für Kirche und König, feiert fröhliche Urständ in den Wert- und Weltvorstellungen der Organisation, die 1970 von Bischof Marcel Lefebvre im Wallis gegründet wurde.
Menschenrechte, Gleichstellung der Frau, Demokratie, Liberalismus, Religionsfreiheit – in den Augen der Piusbruderschaft alles des Teufels. Es muss exorziert werden.
Wie sähe die Gesellschaft aus, die dem Programm der Lefebvre-Kirche entspräche? Franz Schmidberger, Chef der deutschen Piusbrüder, formuliert ganz offen die Forderung nach Errichtung der Theokratie, einer Herrschaft, in der staatliche und religiöse Ordnung eine Einheit bilden, wobei religiöse Dogmen dem staatlichen Recht übergeordnet sind.
Schmidberger zweifelt, «ob die Parteien wirklich zum Wohle eines Volkes seien» oder ob an ihre Stelle nicht besser «jene christlichen Männer treten, die sich durch sittliche Reife und Lebenserfahrung, durch Gerechtigkeitssinn und Sorge um das Gemeinwohl auszeichneten». Das faschistische Vichy-Frankreich unter Marschall Pétains «christlichen Männern» hat Schmidbergers Vision zwischen 1940 und 1944 in politische Wirklichkeit umgesetzt – zum Wohlgefallen Hitlers.
Auch das allgemeine und gleiche Wahlrecht («One man, one vote») ist für Bruder Schmidberger inakzeptabel. Er fragt: «Würde nicht ein wesentlich auf die Familienoberhäupter abgestütztes Wahlrecht der Familie als Zelle der Gesellschaft eine ganz andere Stellung verleihen?» Die Frage ist selbstverständlich die Antwort: Patriarchalismus statt Gleichberechtigung.
Dazu gehört natürlich die Abneigung gegenüber Gewerkschaften, die der erzkatholische Programmatiker ersetzen möchte «durch die Bildung von Kooperativen, das heisst Zusammenschlüssen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in einer Branche zur Verteidigung der gemeinsamen Interessen». Unter Hitler hiess das, nachdem die Gewerkschaften liquidiert waren: «Deutsche Arbeitsfront».
Verwundert es, dass Schmidberger die Todesstrafe fordert? Für ihn, den Glaubenshüter der Piusbrüder, muss Strafe «einen rächenden Charakter» haben, um die «zerstörte Ordnung» wiederherzustellen. Joseph de Maistre, Gründerdenker des Faschismus, rühmte den Henker als das «Band» aller menschlichen Gesellschaft.
In dem katholischen Kerker, den die Piusbruderschaft anstelle unserer offenen Gesellschaft errichten möchte, wäre folgerichtig auch kein Platz für «falsche Religionen und Kulte». Sie würden allenfalls geduldet «nach den Grundsätzen der Klugheit, ohne ihnen jemals ein Naturrecht auf Existenz zuzugestehen».
Eine legitime Regierungsform sieht Erzkatholik Schmidberger in der Erbmonarchie.
Wer hat anderes erwartet? Ein jeder, der bisher glaubte, es handle sich bei den durch den Papst so barmherzig behandelten Brüdern um konservative, eigensinnige, altväterliche Hüter der Tradition, wie NZZ-Journalist Martin Meyer sie beschrieb.
In der deutschen Tageszeitung «Die Welt» kam der Politikwissenschaftler Gerd Langguth durch eine Analyse (die als Dokumentation auch diesem Kommentar zugrunde liegt) zu ganz anderen Einsichten: «Mit der Kritik an den Schmidberger-Thesen geht es also nicht um das Religiöse mit dem Blick auf das Jenseits, sondern um knallharte politische Positionen im Diesseits, die einer rechtsradikalen Partei gut zu Gesicht stehen könnten.»
Und Gerd Langguth warnt: «Das Tun der Piusbrüder scheint vielen zwar religiös, ist aber letztlich gemeingefährlich – zumal sie durch eine Reihe von staatlich geförderten Schulen Einfluss auf junge Menschen haben.»
Papst Benedikt XVI. lieferte in seinem Klage- und Rechtfertigungsbrief, den er zur Kirchen-Gnade für die Piusbrüder formulierte, erhellende Zahlen: Zu der klerikalfaschistisch gestimmten Organisation zählen 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitätsinstitute, 117 Brüder und 164 Schwestern.
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Publizist Frank A. Meyer.
(RDB/Sobli)