Frank A. Meyer Ausgeträumt

  • Publiziert: 31.10.2009, Aktualisiert: 03.01.2012

Wer hätte das gedacht? Giulio Tremonti, Wirtschafts- und Finanzminister Italiens, schickt seine Kavallerie aus – gegen die Schweiz: eine Staatsaktion, mit der Peer Steinbrück, bis vor wenigen Tagen Finanzminister Deutschlands, uns lediglich gedroht hatte. Roms Finanzpolizei mit ihren grünen Baretten, auf denen unheilverkündend eine grosse gelbe Flamme züngelt, stürmte Anfang der Woche 76 Banken und Treuhandbüros in ganz Italien, hauptsächlich
Filialen von Schweizer Instituten!

Der sonnig-fröhliche Giulio Tremonti sucht, genau wie der hanseatisch-bissige Peer Steinbrück, Abermilliarden Euros, die seine Staatsbürger als Fluchtkapital in Schweizer Banken gebunkert haben.

Blick am Abend, die zweitgrösste Gratiszeitung der Schweiz, wähnte sich am Mittwoch in einem «Spaghetti-Western» und empfahl entsprechende Massnahmen gegen unseren südlichen Nachbarn: keine italienischen Spaghetti mehr, keine Motorroller der Marke Vespa mehr, natürlich keine Ferien mehr an Riviera, Adria oder in der Toscana.

Die journalistische Kinderei wird getoppt durch den Infantilismus von Fulvio Pelli, Präsident des Freisinns: Im «Corriere della Sera» warf er der italienischen Regierung eine «Terrorstrategie» vor, Terror also gegen den Bankenplatz Tessin, den Roms Steuerfahnder seit langem im Visier haben. Terror – nach Kabul, Islamabad und Bagdad: jetzt auch Lugano!

Weil aller dummen Dinge oft drei sind, bestellte Bundesrätin Micheline Calmy-Rey prompt den italienischen Botschafter ins Aussenministerium, um ihm daselbst die Indigniertheit der Schweiz über das Vorgehen gegen unsere Banken kundzutun. Die Schweiz sind die Banken sind die Schweiz – die Welt hat verstanden!

Stellen wir uns vor: Schweizer Polizei durchsucht hierzulande die Filialen eines italienischen Unternehmens – und Italien zitiert den Botschafter Berns zur Schelte ins Aussenministerium! Was würde man im Bundeshaus dazu sagen? «Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten!» – «Attacke auf die Schweizer Souveränität!» – «Eingriff in ein schwebendes Rechtsverfahren!» – «Missachtung der Gewaltenteilung!»

Doch was wir uns von der Aussenwelt verbitten, das muten wir unsererseits der Aussenwelt zu: Italien soll sich in Bern rechtfertigen. Für die Suche nach Abermilliarden, die seine Steuerhinterzieher auf Schweizer Konten deponiert haben, insbesondere bei Banken im Tessin.

Was ist die Bedeutung des Finanzplatzes Lugano? Ein ehemaliger Tessiner Spitzenbanker gab im BLICK indirekt, aber unmissverständlich die Antwort: «Wenn wir auspacken, ist Italiens Regierung weg.» Und er drohte Berlusconi nebst seinen Ministern im Stil eines Komplizen: «Wir wissen zu viel über euch.» Also über schmutzige Geschäfte von Tessiner Banken mit ganz Italien – bis hinauf in die Staatsspitze.

So ist das: Ohne Steuerhinterziehung, Steuerbetrug, Geldwäscherei wäre Lugano nur ein durchschnittliches regionales Bankenstädtchen.

Doch die zwielichtige Wachstumsstrategie funktionierte jahrzehntelang, wie sie auch in Zürich und Genf jahrzehntelang funktionierte. Die Schweiz wurde dafür international geschont, im Kalten Krieg sogar gehätschelt. Wir gewöhnten uns an unsere wunderbare Rolle als Weltkind in der Mitten. Und die rechten Eliten in Politik und Wirtschaft schworen Bürgerinnen und Bürger auf den Wahlspruch ein: Was gut ist für die Banken, ist gut für die Schweiz. So sehen es Bankräte wie Bundesräte immer noch, in dieser Woche noch, heute noch.

Aus dieser Sicht aber wird die Welt für uns zur Bedrohung – wir fühlen uns umstellt! Von Bösewichten wie Steinbrück und Tremonti. Von feindlichen Natio-nen wie Deutschland, Frankreich, Italien, den USA. Von der dämonischen Macht Europa. Gibt es Rettung? Ein Entkommen?

Vielleicht gibt es wenigstens ein Erwachen aus dieser gruselig-kindischen Sicht der Welt: Indem wir erst einmal – und erstmals – bei uns selber nach den Ursachen unserer Paranoia forschen. Indem wir vielleicht sogar – endlich – ein Bewusstsein für unsere Schuld entwickeln.

Ja, es geht um Schuld! Der Schweizer Finanzplatz war und ist Hort von Hunderten Milliarden unversteuerter Gelder aus demokratischen und rechtsstaatlichen Nationen, aus Nachbarnationen, aus Nationen, mit denen wir uns bis vor kurzem gern befreundet wähnten.

Diese Nationen wollen jetzt ihr Geld zurück. Denn der Kalte Krieg ist vorbei. Ihre Staatskassen sind leer.

Die süssen Träume von der gottgefälligen Nation, von der immerwährenden Unschuld der Schweiz – sie sind ausgeträumt.

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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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