Experte gibt Entwarnung «Neue Zuwanderer werden kaum arbeitslos»

Die Arbeitslosenquote steigt seit Monaten. Kaum dramatisch, findet Ökonom George Sheldon. Ein Zusammenhang mit der Zuwanderung existiere nicht.

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«Die arbeitslosen Migranten sind eine Altlast. Verursacht in der Zeit, in der die Schweiz die Zuwanderung über Kontingente steuerte»: George Sheldon, Wirtschaftsprofessor an der Universität Basel. KEY

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Herr Sheldon, erneut ist die Arbeitslosigkeit angestiegen. Wie beurteilen Sie die Situation im Langfristvergleich?
Kaum dramatisch, auch wenn es vielleicht anders erscheint. Seit 1990 bewegt sich die Sockelarbeitslosigkeit hierzulande um die drei Prozent. Zum Vergleich liegt die saisonbereinigte Arbeitslosenquote derzeit bei 3,4 Prozent. Zudem verändern sich die Arbeitslosenzahlen immer weniger aufgrund von konjunkturellen Einflüssen – also abhängig davon, wie es der Wirtschaft geht.

Wie meinen Sie das?
Die erwerbstätige Bevölkerung ist seit 2010 substanziell gewachsen. Aber das wird bisher bei der Arbeitslosenquote nicht berücksichtigt. Wenn wir das einrechnen, sinkt die Arbeitslosenrate sogar ab. Wir wären wohl eher bei saisonbereinigt 3,3 Prozent statt 3,4 Prozent, wovon nur 10 Prozent konjunkturell bedingt sind. Der Rest ist strukturell.

Die SVP behauptete mehrfach, die Arbeitslosigkeit sei auf
Rekordkurs?
Ich sehe keine Anzeichen dafür.

Dann muss man sich auch keine Sorgen machen, wenn grosse Firmen wie die CS oder Zurich jetzt Tausende Stellen streichen?
Als Betroffene natürlich schon. Aber der Schweizer Arbeitsmarkt ist sehr aufnahmefähig. Im internationalen Vergleich ist die Dauer der Stellensuche hierzulande niedrig. Die Hälfte aller Arbeitslosen findet innerhalb von drei Monaten nach dem Stellenverlust einen neuen Job.

Was genau ist in diesem Zusammenhang Sockelarbeitslosigkeit?
Sockelarbeitslosigkeit ist jene Arbeitslosigkeit, die bei guter Konjunktur verbleibt. Es gibt offene Stellen, aber gleichzeitig Arbeitslose, die für diese Jobs nicht in Frage kommen. Dies, weil sie nicht die richtigen Qualifikationen für die Arbeitsstelle mitbringen. Wer schlecht qualifiziert ist, trägt heutzutage ein viel höheres Risiko, arbeitslos zu werden.

Wer ist davon besonders betroffen?
Wer schlecht qualifiziert ist, trägt heutzutage ein viel höheres Risiko arbeitslos zu werden. Dies, weil die Wirtschaft sich schnell und nachhaltig verändert. Erstens brauchen die Firmen im Informationstechnologie-Zeitalter bestens ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die viel mehr Fähigkeiten haben müssen als einfache Arbeiter. Und zweitens lagern Schweizer Unternehmen anspruchlose, repetitive Arbeiten, bei denen keine Ausbildung notwendig ist, mehr und mehr in Niedriglohnländer aus. Das ist aber eine Entwicklung, die im Ausland nicht anders ist.

Warum ist der Anteil der Ausländer unter den Arbeitslosen sehr hoch?
Das ist eine Folge der Rekrutierungspolitik in den 70er- und 80er-Jahren. Damals holten Schweizer Unternehmen fast nur niedrig qualifizierte oder sogar ungelernte Ausländer ins Land. Darum gibt es unter den hier wohnhaften Ausländern viele, die bei gleichbleibender Entwicklung ihre Stelle verlieren.

Jetzt sagen Spitzenvertreter der SVP, die Arbeitslosigkeit steige wegen der Personenfreizügigkeit an. Stimmt das?
Dafür gibt es keinen Hinweis – im Gegenteil. Dies, weil die Zuwanderer seit den 90er-Jahren ganz anders qualifiziert sind als früher. Heute verfügen gegen 60 Prozent über einen Hochschulabschluss. Diese Leute haben kaum ein Risiko, arbeitslos zu werden. Früher lag der Anteil der Ungelernten in diesem Bereich.

Verschärfen die bilateralen Verträge mit der EU das Problem wirklich nicht?
Nein, die arbeitslosen Migranten sind eine Altlast. Verursacht in der Zeit, in der die Schweiz die Zuwanderung über Kontingente steuerte. Damals lobbyierte die Wirtschaft dafür, dass sie immer genügend Arbeitskräfte rekrutieren konnte. Die Kontingente waren dazu derart gross, dass sie kaum ausgeschöpft wurden. Was wiederum eigentlich heisst: Es gab auch damals schon den freien Personenverkehr. Heute haben wir das Problem, dass viele dieser Migranten für aktuelle Anforderungen der Firmen nicht genügend qualifiziert sind.

Dann hat sich mit der Einführung der Personenfreizügigkeit für EU-Bürger also gar nicht so viel geändert?
Richtig. Mit der Einführung fiel für die Wirtschaft einzig der Verwaltungsaufwand weg. Die Firmen konnten ja zuvor schon rekrutieren, wen sie wollten. Qualifikation spielte im alten wie im neuen System nie eine Rolle. Es wäre politisch auch nicht durchsetzbar. Auch heute sind noch rund 20 Prozent der neuen ausländischen Arbeitskräfte ohne Berufsbildung. Es gibt Branchen, die fast ausschliesslich auf solche Arbeitskräfte angewiesen sind, etwa der Bau, das Gastgewerbe oder die Landwirtschaft. Diese würden sich gegen Vorgaben bei der Qualifikation der Zuwanderer sicher sperren.

Die SVP behauptet, der Anteil der Ausländer unter den Arbeitslosen sei steigend. Stimmt das?
Auch das kann man nicht sagen. Es stimmt, dass Migranten unter den Arbeitslosen stärker vertreten sind, als dies aufgrund ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung erwartbar wäre. Es gab aber Zeiten, da war diese Übervertretung viel markanter als heute. Auch das ist eine Folge davon, dass die neuen Zuwanderer kaum arbeitslos werden. Damit wird der Anteil der Ausländer unter den Arbeitslosen längerfristig weiter sinken

Tut die Schweiz genug, um diese Sockelarbeitslosigkeit zu bekämpfen?
Die Auslagerung von Arbeitsplätzen für Niedrigqualifizierte sehen wir in allen modernen Industrienationen. Da kämpfen alle Länder mit dem gleichen Problem. Auffallend ist aber, dass die Schweiz mit einer Sockelarbeitslosigkeit von drei Prozent eine sehr tiefe Quote erreicht. In Frankreich liegt sie bei acht bis zehn, in Deutschland bei rund sechs Prozent. Die Schweiz hat selbst dafür gesorgt, indem sie rechtzeitig die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren geschaffen hat. Mit diesen professionellen Strukturen schafft man es, viele Arbeitslose schnell weiterzuvermitteln. Und mit der Möglichkeit des Zwischenverdiensts gibt es Anreize, dass die Leute auch vorübergehend eine schlechter bezahlte Arbeit annehmen. Das hilft, dass sie später auch wieder einen besseren Job finden. Denn wer mit einem Job einen neuen sucht, findet eher einen, als jemand, der arbeitslos ist.

Publiziert am 14.02.2016 | Aktualisiert am 18.11.2016
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27 Kommentare
  • Manfred  Obermeier , via Facebook 15.02.2016
    Dieser Professor bekommt in letzter Zeit ziemlich viel Raum, um seine abstrusen Theorien und seine Glaskugel Vorhersagen auszubreiten.
  • werner   zuercher aus Pfaffnau
    15.02.2016
    natürlich hat herr sheldon recht, viele zugewanderte werden nicht arbeitslos! weil sie nie arbeiten werden und von anfang an am sozialtropf hängen! zudem wandern aus eu staaten viele leute ein die genau solange brauchbar sind, bis sie hier alle schliche kennen und sich an den lukrativen sozialwerken gütlich tun können! genau solche optimieren dann auch noch ihre lebenshaltungskosten in dem sie im benachbarten ausland als sogenannte schweizer einkaufstouristen auftreten!
  • Prisca  Dousse 15.02.2016
    Mr.Sheldon, ich bekomme Magenweh ab ihren Prognosen. Die Statistiken, eben, genau diese erwähnen Ausgesteuerte nicht, genauso jugendliche Arbeitslose,die von ihren Eltern weiterhin durchgefüttert werden aber nicht in der Statistik auftauchen.
  • Michael  Meienhofer aus Ostermundigen
    15.02.2016
    Schon wieder ein Prophet der uns am Problem vorbei führt. Ganz klar, dass Zuwanderer auch mit weniger Lohn zufrieden sind und das zum Segen der Unternehmer. Sie stellen lieber 2 Zugewanderte für 1 Schweizer an.Die sind ja versichert und kriegen ALV - nachher interessiert das die Wirtschaft nicht mehr. Wieder eine der zynischen Abstimmpropaganden für den 28.2.
  • Roman  Loser aus Embrach
    15.02.2016
    "Tscheggsch de Pögg ", wieder einer mehr der uns für blöd hält!