«Eine mögliche Lösung» oder «fern jeglicher Vernunft»? Genossen streiten über die 25-Stunden-Woche

BERN - Heute beschliessen die Jungsozialisten unter Umständen eine Volksinitiative für eine 25-Stunden-Woche. Im Zuge der Digitalisierung sorgt das bei den Genossen für heftige Diskussionen.

Auch wenn die Verständigung mit Hand und Fuss funktioniert, fällt der Baustellenalltag einfacher, wenn alle die gleiche Sprache sprechen. (Symbolbild) play
Bald nur noch 25 Stunden pro Woche auf der Baustelle? GAETAN BALLY

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Seit Jahren erteilt das Volk linken Initiativen Mal um Mal eine Abfuhr. Dennoch versuchen es SP, Grüne und Gewerkschaften immer wieder. Heute entscheiden die Jungsozialisten in Biel BE über ihr nächstes Initiativprojekt.

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Juso-Chefin Tamara Funiciello und ihre Mitstreiter wollen heute eine neue Volksinitiative lancieren. KEY

Zur Auswahl stehen ein Dutzend Ideen – manche davon lassen arrivierten Sozialdemokraten das Blut in den Adern gefrieren (siehe Box). Die wirtschaftspolitisch massivsten Auswirkungen hätte wohl die Einführung der 25-Stunden-Woche – bei gleichem Lohn, wohlgemerkt.

Klar ist: Sollte das radikale Projekt der Stadtberner Juso siegen, wären linke Bruderkämpfe vorprogrammiert. Viele verdrehen in der Mutterpartei die Augen, doch es finden sich auch namhafte Befürworter. Gewerkschaftsboss Corrado Pardini findet: «Die Idee mag utopisch klingen, doch sie ist keineswegs extrem. Eine entsprechende Initiative würde eine enorm wichtige Debatte über die Zukunft der Arbeit lancieren.»

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Gewerkschaftsboss Corrado Pardini (SP): «Die Linke und die Gesellschaft können von einer solchen Debatte nur profitieren.» KEY

Man müsse sich die Frage stellen, wie der Produktivitätsfortschritt «der Arbeiterschaft zurückerstattet werden kann». Denn die Digitalisierung werde viele Jobs wegfressen. «Deshalb ist eine 25-Stunden-Woche eine mögliche Lösung, um möglichst viele Menschen im Arbeitsprozess zu halten», so der Berner SP-Nationalrat.

Damit liegt er auf der gleichen Linie wie Juso-Chefin Tamara Funiciello. Die 26-Jährige machte die Verkürzung der Arbeitszeit im Frühling zum grossen Thema ihrer Präsidentschaftskandidatur.

Arrivierte SP-Grössen raufen sich die Haare. Ständerat Hans Stöckli (BE) findet es zwar «immer schön», wenn sich Junge «unbelastet von jeglicher Erfahrung» Gedanken über die Arbeitswelt machten. Damit habe es sich aber mit seiner Begeisterung.

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«Das ist fern jeglicher Realität und Vernunft», sagt SP-Ständerat Hans Stöckli. KEY

Stöckli verweist darauf, dass er im Parlament für ein paar Zehntel mehr Lohnprozente für die AHV kämpfe. «In diesem Fall ginge es aber um eine faktische Lohnerhöhung von gegen 40 Prozent für alle. Das ist fern jeglicher Realität und Vernunft.» Unternehmen und damit auch Arbeitsplätze würden «scharenweise abwandern», warnt er.

Bei vielen SPlern ist die Angst gross, politischen Schaden davonzutragen. «Im Gegensatz zu einer 1:12-Initiative ist diese Forderung derart krass, dass ich beim besten Willen keinen Hauch von Nutzen ausmachen kann», so Stöckli.

Ganz anders sieht es Genosse Pardini. «Die Linke und die Gesellschaft können von einer solchen Debatte nur profitieren.» Deshalb wäre es «falsch, unseren Nachwuchs mit realpolitischen Argumenten zurückzupfeifen».

Publiziert am 05.11.2016 | Aktualisiert am 28.11.2016

Lesen Sie mal, was für Ideen die Juso sonst noch haben

Zwölf Projekte stehen heute zur Abstimmung – eines davon soll vors Volk kommen. Die Geschäftsleitung um Präsidentin Tamara Funiciello schlägt offiziell die «Konzerndiktatur»-Initiative vor. Diese verlangt, dass die Schweiz nur noch internationale Abkommen eingehen darf, die nationales Recht, Umweltstandards und Menschenrechte nicht untergraben.

Sprengpotenzial weist die «1-Prozent-Initiative» auf. Dabei soll das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung mit einem «Solidaritäts-Prozent» besteuert werden. Gute Chancen hat auch die Zürcher Sektion mit der Forderung, Kapital statt Arbeit zu besteuern. Einschneidende Auswirkungen hätte die «Entlassungsverbot»-Initiative. Unternehmen dürften keine Stellenprozente abbauen, solange sie schwarze Zahlen schreiben. Einige Nachwuchspolitiker möchten Vermietern gar verbieten, mit ihren Geschäften Profit zu erwirtschaften. In einem anderen Themengebiet provozieren will die Baselbieter Sektion. Sie verlangt, dass Armut künftig als Asylgrund anerkannt wird.

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81 Kommentare
  • Andy  Honegger 05.11.2016
    Bis in 20 oder 30 Jahren werden wir wirklich vor dem Problem stehen, dass es nicht mehr für alle Leute Arbeit gibt. Der "Arbeitsmittelstand" wird fast aussterben. Jobs mit sehr hohen Anforderungen gibt es mehr - nur: gibt es für die genügend Leute? Es bleiben auch jene Jobs, die definitiv kein Roboter machen kann. Nur: diese Fragen löst nicht die Schweiz alleine. Das muss mindestens ganz Europa (nicht die EU), bevorzugt zusammen mit den anderen Industrienationen lösen. Alles andere geht schief.
  • Thomas  Forler 05.11.2016
    Im Grunde haben die Juso doch recht. Die Industrialisierung in der Schweiz und in Westeuropa ist vorbei. Die Digitalisierung übernimmt die Oberhand und killt wöchentlich tausende Jobs. Die Unternehmen, die überleben, scheffeln Millionen und Milliarden. Lasst uns doch einfach Teilzeit arbeiten und stellt dafür mehr Leute ein. Dann muss niemand mehr auf Sozialamt - und Steuersenkungen für Unternehmen wären möglich. Wir sollten uns weiterentwickeln, dazu gehört nicht, immer mehr Geld zu scheffeln.
    • Reto  Wenger , via Facebook 05.11.2016
      Aber ihrer Meinung nach mehr und noch mehr Personen ins Land holen, ja? Die Schweiz ist ja ein Schlaraffenland, wo man wenig arbeiten muss und viel Geld verdienen kann. Hier hat Platz für die halbe Welt, oder?
  • Kurt  Stauffer aus George
    05.11.2016
    Es ist kaum anzunehmen,dass die Wirtschaft diese Idee schlucken kann.Schon mit den heutigen Löhnen haben viele Arbeinehmer Mühe ihren Alltag zu finanzieren.Kürzere Arbeitszeit heist, trotzdem gleicher Lohn und mehr Beschäftigte für die Industrie!Die SP soll mal sagen wer dies noch bezahlen kann?Natürlich würde die Idee,begrüssenswert, mehr Arbeitsplätze schaffen,ist aber nicht finanzierbar von Seiten der Wirtschaft!!!
  • Heinz  Renner aus Cala dOr
    05.11.2016
    Die Idee einer 25-Stunden-Woche ist natürlich reiner Unsinn. Ich glaube aber, die Jung-Sozi durchschaut zu haben. Diese Wahnsinnsforderung könnte Kind einer durchaus geschickten Verhandlungsstrategie sein, wie sie auch Geschäftsleben zuweilen anzutreffen ist: Das unmögliche verlangen, um dann zum bestmöglichen Gegenangebot zu gelangen. Wenn dann schlussendlich die Stimmberechtigten über eine 36-Stunden-Woche abstimmen müssen, könnte es ja vielleicht klappen...
  • Hans Ulrich  Gassmann 05.11.2016
    In den meisten Branchen sind die Kosten für die Infrastruktur (Abschreibungen Mieten) für einen Arbeitsplatz wesentlich höher als die Lohnkosten. Mit einer Wochenarbeitszeit von 2 mal 3 Arbeitstage à 10 Std könnte die Wochenarbeitszeit auf 30 Std reduziert und die Auslastung der teuren Arbeitsplätze auf 60 Std. pro Woche erhöht werden. Mit dieser Massnahme wird die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt.
    • Heinz  Hostettler aus Schwarzenburg
      05.11.2016
      Und wo nehmen Sie das Personal her? Was ist mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative? Wieviele Wohnungen müssen gebaut werden? Lebensmittelbeschaffung? Mehr Freizeitangebote weil die halbe Belegschaft frei hat = noch mehr Personalbedarf? Und und und und...