Alles nur Lippenbekenntnisse? Die politische Ferien-Lüge der Bürgerlichen

  • Publiziert: 19.02.2012
  • Von Nico Menzato und Marcel Odermatt

Die Bürgerlichen lehnen die Initiative für sechs Wochen Ferien ab. Doch nur vier Wochen sei zu knauserig, heisst es auch bei ihnen. Ein brisantes Lippenbekenntnis. Denn viele sitzen in Verbänden, die das gesetzliche Minimum empfehlen.

Sechs Wochen Ferien für alle: Über dieses Volksbegehren stimmen die Schweizer in drei Wochen ab.

Im Parlament hatte es keine Chance. CVP, Grünliberale, FDP und SVP schmetterten das Anliegen der Gewerkschaft Traivailsuisse geschlossen ab. Einzig Links-Grün stimmte dafür.

Hauptargument der Gegner: Es sei zu teuer! Firmen könnten es sich nicht leisten, den Beschäftigten mehr Ferien zu gönnen.

Firmen sollen grosszügiger sein

Doch bis weit ins bürgerliche Lager herrschte Einigkeit, dass das gesetzliche Minimum von vier Wochen zu knauserig sei. Die Firmen sollen grosszügiger sein, insbesondere in Branchen mit schlechten Arbeitsbedingungen und tiefen Löhnen müssten mehr als 20 Tage pro Jahr drinliegen.

Recherchen von SonntagsBlick zeigen: Das sind Lippenbekenntnisse! Zum Beispiel beim Grünliberalen Thomas Weibel (ZH). Im Nationalrat verkündete er lauthals am Rednerpult: «In Arbeitsbereichen, in welchen offensichtlich Handlungsbedarf besteht, erwarten wir branchenspezifische Lösungen.»

Derselbe Thomas Weibel sitzt auch im Vorstand des zürcherischen Spitex-Verbands. Und der empfiehlt für 21- bis 49-Jährige bloss vier Wochen Ferien. Von SonntagsBlick mit dem Widerspruch konfrontiert, gelobt Weibel Besserung: «Wenn die ­Initiative abgelehnt wird, werde ich mich dafür einsetzen, dass die Angestellten in der Pflegebranche mehr als das gesetzliche Minimum an Ferientagen er­halten.»

Ähnlich liegt der Fall bei Kurt Fluri (FDP/SO). In einem Interview sagte er: «Die bisherige einzelbetriebliche oder branchenspezifische Regelung über Gesamtarbeitsverträge hat sich in unserem Land bestens bewährt.»

Nach finanziellen Verhältnissen der Unternehmen entscheiden

Tatsächlich? Fluri ist Vizepräsident im Stiftungsrat des Altersheims Wengistein. Die unter 50-jährigen Angestellten des Altersheims haben vier Wochen Ferien – keinen Tag mehr. Damit konfrontiert meint er: «Das ­Altersheim muss eben selbsttragend sein. Man muss je nach den finanziellen Verhältnissen pro Unternehmen entscheiden.»

Auch in der Klinik Adelheid in Unterägeri, wo der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister im Verwaltungsrat sitzt, bekommen Angestellte bis zum 44. Altersjahr nur vier Wochen Urlaub. Auf Anfrage räumt Pfister ein, das Ferienregime in der ­Klinik sei «tatsächlich etwas starr». Er sei aber gegen landesweite und für individuelle Vereinbarungen. Im Fall der Klinik Adelheid sei er bereit, das Fe­rienthema zu diskutieren.

Für Travailsuisse-Präsident Martin Flügel zeigen diese Beispiele, was von solchen Politikern zu halten ist: «Sie reden gross von Sozialpartnerschaft, setzen sich aber nicht einmal dort für Verbesserungen ein, wo sie Einfluss haben.» Nur die Initiative «6 Wochen Ferien für alle» verspreche einen Ausgleich zum Arbeitsstress.

Kommentare (8)

  • Eugen  Dutler
    Alles soll immer schneller gehen, alles wird nochmehr rationalisiert. Nur Erholung kann man nicht rationalisieren. Bournout mit 35 oder 40, nur weil keine Erholung mehr möglich ist! Ferien sollen nicht bezahlbar sein, aber Kuraufenthalte in der Nervenklinik! Schweizer, habt endlich Mut zum JA
    • 20.02.2012
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  • Roger  Hofstetter
    6 Wochen geht in der Tat etwas weit. Es gibt genug Branchen und, vor allem kleinere, Unternehmen, welche mit dieser Regelung Mühe haben würden. Ich glaube kaum, dass mehr Arbeitsplätze geschaffen werden vor allem nicht im aktuellen Umfeld. Es wird einfach dieselbe Arbeit auf weniger verfügbare Arbeitskraft verteilt. Wer anderes behauptet, betreibt Augenwischerei. 5 Wochen, wie sie bereits in vielen Unternehmen üblich sind, würden als gesetzliche Grundlage ausreichen.
    • 20.02.2012
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  • Emmanuel  Mindanao
    Wenn ich gesetzlichen Urlaub habe darf ich keiner Nebenerwerbstätigkeit nachgehen. Wenn ich aber mehr Ferien anstatt mehr Geld möchte dann könnte ich immer noch unbezahlt nehmen. Also was soll das? Wer zu faul ist um zu arbeiten der soll unbezahlten Urlaub nehmen oder nur 80 arbeiten. Ich hätte lieber weniger Ferien und mehr Lohn. 3 Wochen sind meiner Meinung nach mehr als genug. Wir hier in der Schweiz arbeiten uns garantiert nicht zu tode.
    • 20.02.2012
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  • Kurt  Bidi , Bern
    lasst doch die Firmen entscheiden, im Gesetz sind 4 Wochen alles ander ist doch ein gutwil der Firmen, schaut lieber mal für mehr Arbeitsplätze und zwar überall nicht nur Steuerbegünstigte Büroheinis, sondern auch fürs Handwerk, das wäre viel sinnvoller alls dieser Schwachsinn der Ferien.
    • 20.02.2012
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  • Mailyn  Pelagio-Kerzenmacher , Frauenfeld
    Nur 6 Wochen Ferien?! Wenn man keine Steuern, Krankenkasse etc. zahlen muss, weil man Schwarzarbeit machen muss als Opfer schwer krimineller Straftaten, liegen viel mehr als nur 6 Wochen Ferien im Jahr drin. Und das Gute daran ist, dass die Schwarzarbeit höher bezahlt wird als "normale" Arbeit.
    Noch besser allerdings ist, dass seitens der Behörden gegen Schwarzarbeit nichts getan werden kann, wenn sie aus Notwehr verrichtet wird und zum Überleben der Familie dient und die soziale Unabhängigkeit und Integrität des Betroffenen vollumfänglich gewährleistet.
    • 19.02.2012
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