Schweizer Politiker zum Kauf der geklauten Bankdaten «Deutschland macht sich zum Hehler»

  • Publiziert: 01.02.2010, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Simon Hehli und Marcel Zulauf

ZÜRICH – Deutschland will die geklauten Bankdaten kaufen um Steuersünder zu bestrafen. In der Schweiz herrscht Empörung darüber. Für Politiker und Verbände geht das gar nicht.

Deutschland will für umgerechnet 3,75 Millionen Franken gestohlene Daten kaufen. Damit sollen potenziellen Steuersünder mit Schweizer Bankkonten überführt werden.

SP-Nationalrat Mario Fehr kann noch «gar nicht glauben, dass Deutschland das wirklich so durchziehen will». Er glaubt, dass Schäuble und Merkel derzeit bloss die Drohkulisse ausbauen. Um die Schweiz zum schnelleren Abschluss eines Doppelbesteuerungs-Abkommens (DBA) zu bewegen – und Deutsche Steuersünder zur Selbstanzeige.

«Wenn Deutschland die Daten aber wirklich kauft, macht sich der Staat zum Hehler. Das ist nicht die Ebene, auf der zivilisierte Staaten miteinander verkehren», poltert der studierte Jurist.

Für den Aargauer FDP-Nationalrat Philipp Müller ist klar: Solange Deutschland die Daten nicht an die Schweiz herausrückt, müssen die DBA-Verhandlungen ausgesetzt werden.

Berlin: Kauf geklauter Daten kein Problem

Den Vorwurf der Hehlerei erhebt auch die Schweizerische Bankiervereinigung. Sie erwartet, dass Deutschland auf den Kauf der illegal zugespielten Daten verzichtet. Dafür dürfte es aber zu spät sein. Denn Berlin will um jeden Preis Steuersünder überführen. Das hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel heute Mittag bekräftigt.

Und sie erhält von Ex-Finanzminister Hans Eichel juristische Rückendeckung: Der Kauf gestohlener Schweizer Bankdaten sei rechtlich kein Probleme: «Spätestens seit Ankauf und Verwendung der Liechtenstein-Daten hat diese Frage ein Gericht rechtsstaatlich geklärt.»

So entsteht ein Markt für sensible Daten

Das sieht Bundespräsidentin Doris Leuthard ganz anders: Da entstehe ein richtiggehender Handel mit Kriminellen. Das sei gegen das Gesetz. «Das ist eine Entwicklung, die wir nicht unterstützen können.»

Finanzminister Hans-Rudolf Merz hat heute Morgen mit Wolfgang Schäuble über den Datenklau gesprochen. Merz stellte klar: «In diesem Fall leistet die Schweiz keine Amtshilfe.» Seine Partei, die FDP, ist von den Absichten Deutschlands entsetzt. Beim neuen Doppelbesteuerungs-Abkommen müsse «Hehlerei» mit gestohlenen Daten ganz klar ausgeschlossen werden.

Mario Fehr glaubt, dass die Rechnung auch für Deutschland nicht aufgehen werde: «Wenn es so weiter geht, entsteht ein lukrativer Markt für sensible Daten – etwa auch im Gesundheitswesen. Es wird immer reizvoller für Angestellte, solche Daten zu klauen und sie dem Staat zu verschachern.»

Schweiz ist selber schuld

Davor warnt auch Philipp Müller: Wenn Regierungen gestohlene Daten kaufen, sei dies ein fatales Signal. «Für mich stellt sich auch die Frage nach dem Sicherheitsdispositiv der Banken.» Immerhin kam vor Deutschland schon Frankreich unrechtmässig in den Besitz von Bankdaten. Frankreich gab die Daten schliesslich der Schweiz zurück.

SP-Mann Mario Fehr sieht neben illegalen Machenschaften von Bankangestellten ein weiteres Problem: «Wenn die Bürgerlichen nicht jahrelang an der hinfälligen Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung festgehalten und damit unsere ausländischen Partner brüskiert hätten, würden wir nun nicht so im Schlamassel stecken.»

Merz will trotz Datenklau keinen neuen Passus in Steuer-Abkommen

BERN – Auch nach dem neusten Fall von Datenklau will Finanzminister Hans-Rudolf Merz keinen zusätzlichen Passus in die neuen Doppelbesteuerungs-Abkommen einfügen. Dass auf Grund gestohlener Daten keine Amtshilfe möglich ist, soll stattdessen in einem eigenen Gesetz festgeschrieben werden.

Die SVP verlangte, dass alle nach OECD-Standard verhandelten Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) mit einem Passus versehen werden, in dem sich die Vertragsstaaten verpflichten, keine widerrechtlich beschafften Daten zu verwenden. Auch die FDP forderte, dass DBA «zukünftig Hehlerei mit gestohlenen Bankdaten klar ausschliessen müssen». FDP, SVP und auch die SP kritisierten Deutschland scharf für den geplanten Kauf von gestohlenen Bankkundendaten. «Gewisse Staaten kennen offenbar keine rechtsstaatlichen Grenzen mehr», schrieb die FDP.

Die SVP forderte den Bundesrat auf, allenfalls die laufenden Verhandlungen zu einem neuen DBA abzubrechen und weitere Massnahmen zu prüfen. Für die SP zeigt die Affäre, «in welch unmöglicher Situation sich die Schweiz mit ihrer Differenzierung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug heute befindet». Die Schweiz brauche endlich eine deutliche Absage an Steuerhinterzieher.
play SP-Nationalrat Mario Fehr: kann nicht glauben, dass Deutschland das durchziehen will. (Keystone)

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Politik

Verstehen Sie die Deutschen, dass sie die geklauten Daten der Steuersünder kaufen wollen?»

  • 30,9% Ja, das würde die Schweiz doch auch tun.
  • 57,4% Nein, der Staat darf sich nicht auf einen Dieb einlassen.
  • 11,8% Mir egal. Das ist eine Angelegenheit zwischen dem deutschen Staat und deutschen Steuersündern.